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Willst Du so enten?

Ist der Comic gute Jugendliteratur
oder wertlose Unterhaltungslektüre?

von Silvia Sperling & Stephan Weiß

1. Einleitung

Der Comic wurde auf Grund seiner Erzähl- und Darstellungsweise in den 50er und 60er Jahren weitgehend abgelehnt. Die kulturelle Veränderung, die sich maßgeblich in den 70er Jahren vollzogen hat, prägte eine neue Sichtweise. Der Markt hat sich den Comics gegenüber geöffnet, was auf die entsprechenden Anstrengungen der Verlage zurückzuführen ist. Das Angebot, nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Erwachsene, steigt stetig. In der heutigen Zeit wird der Comic durch eine "Diskrepanz zwischen einer hohen Leser- und Kaufakzeptanz einerseits und einer geringen kulturellen Akzeptanz andererseits bestimmt"(1). Bei den ehemals jugendlichen Lesern ist die Faszination nach wie vor ungebrochen, jedoch haben sich ihre ästhetischen Ansprüche verändert. Während die Wissenschaft sich nur allzu oft mit literarischen Werken wie Gedichten, Dramen etc. beschäftigt und sie auf ihre sprachlichen Mittel und Besonderheiten hin untersucht, bleibt die Untersuchung der Sprache eines Comics hingegen weitgehend unbeachtet. Die wenigen Abhandlungen, die über die Comicsprache vorliegen, bewerten diese überwiegend negativ. "Die Texte sind durchweg auf einem erschreckend niedrigen Stand, oft nicht einmal richtiges Deutsch. Satzrümpfe oder Slang oder Gassendeutsch, Zeitphrasen, schiefe Vergleiche, seltsame Aus- und Zwischenrufe und einfältige Lautmalereien sind die bezeichnendsten Eigenheiten."(2) An Hand exemplarischer Donald Duck-Comics wird in der Arbeit untersucht, ob diese Aussage zutrifft.

Unter der Verwendung eines eigens erstellten Frequenzwörterbuches (3) und der konkreten Arbeit am Text wird die Sprachkomplexität dieser Comicgattung analysiert. Das Korpus beschränkt sich hierbei auf zwei Ausgaben der Reihe "Lustiges Taschenbuch" dessen Erscheinungsjahre bewusst mit größerem Abstand gewählt wurden. (Donald auf großer Fahrt, Band Nr. 22, 1972; Rennfahrer wider Willen, Band Nr. 269, 1999) Primär widmet sich die Analyse dem Sprachniveau, das heißt es bleibt festzustellen, ob die Sprache eher als kindlich oder umgangssprachlich bezeichnet werden kann oder sogar komplex und vielfältig ist. Die Schritte der Sprachanalyse gliedern sich in:

  1. Inhalt des zu untersuchenden Textes
  2. Betrachtung von Anfang und Ende
  3. Zusammenhang im Ablauf des Geschehens
  4. Satzlänge
  5. Silbenzahl
  6. Vollständige Sätze versus unvollständige Sätze
  7. Wortuntersuchung
  8. Interjektionen
  9. Fremdwörter
  10. Moderne Sprache

Das Ziel dieser Untersuchung ist, die Frage zu beantworten, ob die Sprache der Comics reduziert oder gar qualitativ minderwertig ist.

2. Korpusbeschreibung

Als Korpus liegen der Untersuchung drei ausgewählte Taschenbücher zu Grunde. Zum einen die Ausgabe "Donald auf großer Fahrt" aus dem Jahre 1974 mit einem Wortvolumen von ca 15.000 Wörtern, zum anderen zwei Bände neueren Datums "Rennfahrer wider Willen" (1999) und "Entenhausener Wunschkonzert" (1998), die zusammen ca 14.000 Wörter besitzen. Das umfangreiche sprachliche Material bildet die Basis für eine allgemeine Darstellung der charakteristischen Stilrichtungen des Comics. Die konkrete Analyse der Sätze und einzelner Wörter findet an abgegrenzten Textstellen statt. "Nach Rohracher (Charakterkunde, 171 ff.) ist das Mindestmaß für brauchbare Berechnungen (...) etwa 250 bis 300 Wörter (...)." In der Analyse wurde das Mindestmaß auf 500 Wörter erhöht, um ein repräsentatives Ergebnis zu erzielen. Einige Ergebnisse, die in dieser Untersuchung vermerkt sind, sind an die spezifischen Gegebenheiten des jeweiligen Taschenbuches gebunden (siehe Punkt 8, 9) und lassen sich nicht ohne weiteres verallgemeinern.

Das Lustige Taschenbuch "Donald auf großer Fahrt" enthält insgesamt sechs Geschichten. Angeführt wird der Band durch ein Vorwort, das in Form eines Briefes von "Onkel Donald" gestaltet ist. Die Formulierung der Anrede "Hallo Kinder!", die in diesem Fall verwendet wird, bestimmt direkt die Zielgruppe. Das Taschenbuch richtet sich damit explizit an jüngere Leser. Das erste Abenteuer wird einmalig durch eine Vorgeschichte eingeleitet. Die darauf folgenden Geschichten werden jeweils mit einer kurzen Überleitung verbunden. Demzufolge wird die Kontinuität des Handlungsablaufes gewahrt. Die einzelnen Teilgeschichten sind Teil einer Handlungslinie und bilden eine große Geschichte. Der Inhalt der ausgewählten Textstelle aus der Geschichte "Aus dem Leben des Traugott Taugerichs" (Comic 1) stellt sich wie folgt dar: Donald Duck wird zu Daisy gerufen, welche ihm sogleich verkündet, sie hätte eine vierwöchige Europareise gewonnen. Aber Daisy fährt dieses Mal in Begleitung ihrer besten Freundin Klarabella und bittet deswegen den enttäuschten Donald, auf ihr Haus und ihre wertvollen Aktien aufzupassen. Sorgsam bringt er die Wertpapiere zu seinem Wagen, um sie vorerst in seinem Haus unterzubringen. Während der Fahrt beobachtet er misstrauisch jede Person und merkt schließlich, dass er verfolgt wird...

Zum Vergleich dient das Lustige Taschenbuch "Rennfahrer wider Willen" (Comic 2) mit rund sieben Geschichten. Auch hier werden die Leser in Form eines Briefes begrüßt, jedoch von der Comicfigur "Gitta". Mit der Anrede "Hallo, liebe Freunde!" werden nicht nur explizit die jüngeren Leser angesprochen, die Zielgruppe wird nicht konkret bestimmt. Der Comic öffnet sich einem größeren Rezipientenkreis. Trotz der kurzen Vorbereitung der Geschichte durch Gitta hat das erste Abenteuer einen offenen Anfang. Der Leser wird ohne Einleitung oder Vorgeschichte direkt in das Geschehen gebracht. Wenn Donald ein Abenteuer überwunden hat, beginnt wieder eine neue Geschichte. Die Erzählungen stehen nebeneinander und sind nicht thematisch miteinander verbunden. Eine übergeordnete Handlungslinie ist nicht erkennbar. Inhaltlich gestaltet sich der zu analysierende Abschnitt aus der Episode " Rennfahrer wider Willen" folgendermaßen: Daisy möchte mit Donald in das Kinopolis gehen, um sich einen Film anzuschauen. Sie wartet draußen im Regen auf ihn. Plötzlich sieht Daisy Donald an einem Spielautomaten sitzen. Sie ist natürlich sauer. Als die beiden dann endlich am Kino angekommen sind, ist der Film ausverkauft. Nun will Donald Daisy wenigstens nach Hause fahren. Doch Donalds Auto geht kaputt. Zufällig kommt Elmo Erdmann mit seinem schönen, großen Auto vorbei und lädt Daisy ein, sie nach Hause zu fahren. Sie nimmt zu Donalds Enttäuschung an. Da Donald Daisy auch mit seinem Auto beeindrucken will, kauft er sich einen Bausatz für einen Rennwagen. Nun will er Daisy einladen, bei der großen Parade mitzufahren. Doch Daisy ist schon von Elmo Erdmann zum Grand Prix von Duckato eingeladen...

*

Nach der Darstellung des Korpus kann nun eine linguistische Analyse folgen, d.h. mit welchen sprachlichen Mitteln der obengenannte Inhalt verarbeitet wurde.

3. Satzlänge

Im Mittelpunkt der Comic-Kritik stehen oftmals die kurzen und knappen Sätze. Die rasanten Abenteuergeschichten sind in temporeichen Dialogen gehalten. Die Handlung und ihre Darstellung verlangt die Verwendung eines eingeschränkten Sprachmateriales, welches sich in der Gestaltung der Sätze widerspiegelt. Die Gewöhnung an die schnelle Wechselrede, bedingt durch die "unvollständigen Sätze", lässt einen ausschweifenden Satzbau nicht zu, sondern würde in diesem Zusammenhang den Textfluß eher behindern. Die folgende Grafik zeigt das Verhältnis von ‚kurzen‘ und ‚langen‘ Sätzen.

Interessant erschien die Worthäufigkeit in den einzelnen Sätzen. Auffällig ist der hohe Anteil an "Ein-Wort-Sätzen". Die Worthäufigkeit in den Sätzen vermindert sich stetig und stagniert ab einer Anzahl von zehn Wörtern. Der längste Satz, z.B. in Comic 1, umfasst 33 Wörter. Sätze, die nur ein Wort enthalten, sind hier 19 Mal zu finden. Längere Sätze werden überwiegend als Überleitung des Erzählers gebraucht. Den wesentlichen Teil der Comicsprache machen eindeutig die eher wortkargen Sätze aus. Das Geschehen wird folglich sprachlich nicht besonders ausdifferenziert, sondern mit Hilfe der Bilder dargestellt. Während z.B. der Roman sich sprachlicher Mittel bedient, die durch die Vorstellungskraft des Rezipienten Bilder im Kopf erzeugen, besitzt im Gegenzug der Comic schon vorgegebene Bilder, die durch wenige Wörter unterstützt werden.

4. Silbenzahl

Die Silbenzahl des vorliegenden Korpus hat auch entscheidende Bedeutung für den Lesefluss eines Textes. Durch den Einsatz kurzsilbiger Wörter in den ohnehin schon kurzen Sätzen gewinnt der Text an Schnelligkeit. Die ein- und zweisilbigen Wörter bestimmen überwiegend den Donald Duck-Comic. Eher selten lassen sich Wörter mit vier oder mehr Silben finden.

 

1 silbrig

2 silbrig

3 silbrig

4 silbrig

5 silbrig

Comic 1

302

134

38

18

4

Comic 2

316

143

36

12

-


Das Ergebnis wurde anhand der exemplarisch ausgewählten Textstellen (500 bzw. 507 Wörter) erarbeitet. Der hohe Anteil der ein — bzw. zweisilbigen Wörter scheint zunächst einen Beleg für qualitativ minderwertige Sprache zu liefern, jedoch sollte man berücksichtigen, dass die Sprache des Comics in Form eines niedergeschriebenen Dialoges vorliegt. Geht man davon aus, dass der alltagssprachliche Dialog durch "spontan" geäußerte Sprache geprägt ist, könnte man dem Comic eine relative Authentizität beimessen. Die Authentizität liegt vermutlich in der Verwendung der kurzsilbigen Wörter, die kennzeichnend für die spontane Satzbildung im realen Dialog ist.

5. Vollständige Sätze versus unvollständige Sätze

Die Satzanalyse unterwirft sich einem bestimmten Kriterienkatalog, der an dieser Stelle zuerst definiert wird, um die Ergebnisse nachvollziehbar zu machen. Der Katalog definiert den Satz, das Subjekt, das Prädikat, das Adjektiv und die Ellipse.

Der Satz stellt einen grammatischen Zusammenhang her, mit dem es möglich ist aus einzelnen Wörtern einen Sachverhalt zu erschließen. Man unterscheidet die Sätze nach: a) einfach, b) komplex und c) erweitert. Ein einfacher Satz liegt dann vor, wenn man mindestens ein Subjekt und ein Prädikat findet. Ein komplexer Satz ist aus einfachen Sätzen zusammengesetzt. Diese Untersuchung beschränkt sich auf einfache und erweiterte Sätze. Einfache Sätze sind Satzgebilde, in denen man nur ein Subjekt und ein Prädikat vorfindet, denen maximal Attribute, adverbielle Bestimmungen oder ähnliches hinzugefügt sind.(4) Ein Beispiel für einen einfachen Satz wäre: "Ich warte." Erweiterte Sätze sind demzufolge Sätze, die darüber hinaus weitere Satzelemente enthalten. Z.B.: "Mein Auto ist vielleicht nicht schön, aber dafür zuverlässig!" Diese beiden Satzarten sind Bestandteile der Gruppe der vollständigen Sätze.

Die unvollständigen Sätze gliedern sich in a) abgebrochene Sätze, b) Ellipsen und c) Sätze, in denen Subjekt oder Prädikat fehlen. Unter abgebrochenen Sätzen versteht man Satzgebilde, die nicht durch ein Ausrufe- oder Fragezeichen oder durch einen Punkt beendet werden.(5) Beispiel: "Gesagt, getan..." Eine Ellipse ist eine Aussparung von Sprachelementen. Es gibt verschiedene Arten von Ellipsen, z.B. die Koordinations-Reduktion. Hierbei wird identisches Sprachmaterial ausgelassen. Ein Beispiel: Sie trank Kakao und er (trank) Kaffee.

Eine zweite Variante der Ellipse ist die Lexikalische Ellipse. Sie kann definit (Sie liest gerade (irgendwas).) oder indefinit (Julia beichtete endlich (etwas, das aus dem Kontext bekannt ist).) sein. Ellipsen findet man auch bei Frage- und Antwortpaaren. Beispiel: " Wer hat gestern gearbeitet?" " Julia (hat gestern gearbeitet)."(6) Neben diesen Aussparungen von Sprachelementen lässt sich im Comic eine weitere Form der Ellipse erkennen. Es handelt sich um Sätze, in denen das Subjekt und/oder das Prädikat fehlen.(7) Das Subjekt bildet mit dem Prädikat den Kern des Satzes und bezieht sich auf die im Prädikat gemachte Aussage. Die Funktion des Subjekts nimmt das Substantiv, oder auch Nomen genannt, ein. Das Substantiv bezeichnet Lebewesen, Dinge oder abstrakte Vorstellungen. Das Prädikat bildet die Satzaussage über den Satzgegenstand. Diese Stelle wird durch das Verb ausgefüllt. Das Verb steht für Vorgänge, Zustände oder Handlungen.

Insgesamt formen diese Satzelemente wesentlich die Sprache. Die folgende Übersicht gibt Aufschluss über das Verhältnis zwischen vollständigen und unvollständigen Sätzen.

Diagramm

Von den insgesamt 86 ausgewählten Sätzen der Geschichte "Traugott Taugerichs" sind 41 vollständige Sätze, die sich in 9 einfache und 32 erweiterte Sätze unterteilen lassen. Die Anzahl der unvollständigen Sätze beläuft sich auf 45, die sich in 6 abgebrochene Sätze, 26 Ellipsen und 13 Sätze, in denen das Subjekt/Prädikat fehlen, untergliedern. Ähnlich verhält sich der Aufbau der Syntax im Comic "Rennfahrer wider Willen":

Diagramm

Das Verhältnis der Sätze beziffert sich auf 49 vollständige und 37 unvollständige Sätze. Die 49 Satzgebilde bestehen aus 46 erweiterten und 3 einfachen Sätze. Die unvollständigen Sätze ordnen sich in 9 abgebrochene Satzgefüge, 20 Ellipsen und 8 Sätze, in denen Subjekt/Prädikat fehlen. Die Analyse konzentriert sich im Wesentlichen auf die unvollständigen Sätze, die für den Charakter der Comics interessant sind. Besonders auffällig sind die häufig verwendeten Ellipsen. Ihr Gebrauch erfolgt überwiegend als Ausrufe (z.B.: Igitt!, Jahuu!, Seufz!), Aufforderungen (z.B.: Halt, dageblieben!, Sofort anhalten!, Weg da!) und kommentierende Überleitungen zwischen den Bildern (z.B.: Und vor Ort..., Bald..., Und so...). Sie variieren in ihrem Auftreten zwischen einem und mehreren Wörtern. Die Ellipsen prägen durch ihren übermäßigen Gebrauch den Dialogcharakter des Comics. Insgesamt bewirken die unvollständigen Sätze einen stockenden und abgehackten Lesefluß bzw. Textfluß.

6. Wortuntersuchung

Nachdem die Analyse der Sätze abgeschlossen ist, folgt nun die Untersuchung der einzelnen Satzelemente. Die Betrachtung der Wortarten richtet sich konkret auf Verben, Substantive und Adjektive.

 

 

Trotz der hohen Anzahl an "Ein-Wort-Sätzen", die meistens als Ausrufe zu identifizieren sind, weist der Korpus einen hohen Anteil an Verben auf. Erst die Verben sorgen für einen Sinngehalt der Sätze und bringen die Handlung voran. Das Verb, das immer eine Handlung ausdrückt, hat zur Folge, dass die Sprache lebendig wird und einen mitreißenden Effekt für den Leser hat. Wie schon beschrieben, treiben sie die Handlung voran — deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sie den größten Anteil im Text einnehmen. Außerdem befinden sich die Verben in der Gegenwartsform und werden nur selten in ein anderes Tempus gesetzt. Durch die Verwendung des Indikativs ist es nur möglich, den konkreten Moment und nicht die Vergangenheit oder die Zukunft zu verdeutlichen. Der Comic stellt folglich nur eine kurze Zeitspanne dar. Die Adjektive werden häufig zur Ausschmückung benutzt, allerdings sind sie in diesem Fall eher seltener zufinden. Ihre Aufgabe beschränkt sich darauf, den Substantiven mehr Ausdruck zu verleihen. Die Substantive bilden die zweithäufigste Wortart, in der auch die Eigennamen enthalten sind. Das Substantiv verhält sich passiv und ordnet sich dem vom Verb geschaffenen Aktionsmoment unter. Als besonderes Merkmal bleibt festzuhalten, dass die Substantive für sinnlich erlebbar Gegenstände stehen.

Die Satzelemente sind genau platziert, ermöglichen die Wahrung kurzer Sätze und verhindern ausschweifende Satzkonstruktionen. Der Sachgehalt wird minimiert und konkret dargestellt.

7. Interjektionen

Die wohl bekanntesten und typischen Merkmale eines Comics sind die Interjektionen. Sie sind eine "Gruppe von Wörtern, die zum Ausdruck von Empfindungen, Flüchen und Verwünschungen sowie zur Kontaktaufnahme dienen (Au! Verflixt! Hallo!). Ihr Status als Wortart ist umstritten, da Interjektionen sich morphologisch, syntaktisch und semantisch auffällig verhalten: sie sind formal unveränderlich, stehen syntaktisch außerhalb des Satzzusammenhanges und haben (im strengen Sinne) keine lexikalische Bedeutung. Häufig haben Interjektionen lautmalenden Charakter, wie z. B. Brr! Hoppla! Peng! Papperlapapp!"(8) Außerdem unterstützen sie meistens die in einem Bild ablaufende Handlung.

Diese spezielle Wortgruppe wird im gesamten Comictext analysiert, um die Relevanz für den Stil des Textes herauszufiltern. Die Überprüfung gesamten Korpus ergab:

Bandnr. 22

Bandnr. 269/120

674

469

4,4 %

3,3 %


Der Anteil ist — gemessen am vollständigen Wortvolumen — überraschend gering. Die niedrige Anzahl kann aber nicht als stilbestimmend angesehen werden. Es stellt sich an dieser Stelle natürlich die Frage nach ihrer Notwendigkeit. Auffällig ist die Vielzahl der auftauchenden Variationen der lautmalenden Wörter.

Beispiel:

Uah

Grrr

Oh

Hi

Uaah

Grrrrr

Oooh

Hihi

Uaaaah

Grrrrrr

Oooooh

Hihihi

Uuuuuaaahhh

Grrrrrrr

Oooooooh

Hihihihi


Bei genauer Betrachtung der Sprachverwendung Jugendlicher lässt sich feststellen, dass Interjektion durchaus Einfluß auf das Kommunikationsverhalten haben. Oftmals werden bei Erzählungen ausschmückende Wörter (z.B.: Boing, Kawumm, Bumm, Peng) hinzugefügt. Es ist im Rahmen dieser Untersuchung nicht eindeutig zu klären, ob Comics diesen Zustand begünstigt haben oder nicht.

8. Fremdwörter

Die Sprache des Comics auf ihre Unzulänglichkeit hin zu untersuchen, ist nur ein Teil der Analyse. Gleichzeitig jedoch ist die Frage interessant, ob der Comic neben lautmalenden Wörtern und Umgangssprache auch gehobene Sprache und Fremdwörter aufweist. Allerdings ist der Übergang vom Fremdwort zum alltäglich gebrauchten Wort fließend. Aus diesem Grund ist es schwierig, genau festzustellen, ob es sich bei einem Wort um ein Fremdwort handelt oder eher nicht. Eine Methode, um dies festzustellen, ist, das jeweilige Wort in einem Fremdwörterlexikon nachzuschlagen und es somit als Fremdwort zu definieren. Jedoch wird man die meisten Wörter auch in einem Wörterbuch finden, was dann zeigt, dass das jeweilige Wort in den normalen Sprachgebrauch übergegangen ist.

Auch durch den Einfluß neuer Medien werden Fremdwörter zunehmend in den Alltagsgebrauch integriert. Zudem stellt sich das Problem des Rezipientenalters: Nicht jedes Wort, das ein Erwachsener in seinem alltäglichen Sprachgebrauch verwendet, ist unbedingt für ein Kind oder einen Jugendlichen verständlich. Da sich der Rezipientenkreis für Comics in den letzten Jahren stark erweitert hat, ist es sehr schwierig ein Wort in die Kategorie "Fremdwort" einzuordnen. Diese Untersuchung beschränkt sich auf ein Rezipientenalter bis maximal zwölf Jahren. Als Fremdwort werden Wörter definiert, die für junge Leser schwer oder sogar gar nicht verständlich sind und im günstigen Fall den Wortschatz erweitern. Neben dieser Art von Fremdwörtern gibt es noch Fachbegriffe. Unter einem Fachbegriff wird in dieser Analyse ein Wort verstanden, das nur in einem bestimmten Kontext verwendet wird, wie z.B. das Wort " Dezimallogarithmus" nur in der Mathematik und das Wort " Neutronenstrahl" in der Physik. Darüber hinaus lassen sich im Comic auch Wörter aus einer fremdsprachliche Zitate, wie z.B. " voudrais", aus dem Französischen, " avanti" aus dem Italienischen oder "sound" aus dem Englischen finden.

Der Anteil der Fremdwörter ist im gesamten Korpus untersucht worden und beträgt weniger als 1% der gesamten Wortzahl. Allerdings zählt der Comic zur Unterhaltungslektüre, und somit ist es nicht sein erstes Ziel in irgendeiner Form zu belehren oder den Wortschatz zu erweitern. Dennoch könnte die Verwendung von Fremdwörtern die Rezipienten dazu animieren, sich deren Bedeutung klarzumachen. Darüber hinaus werden diese Begriffe auch im Comic selber erläutert.

Insgesamt weist der Comic neben eher reduzierter Sprache auch Anteile einer "gehobeneren Sprache" auf. Man kann also nicht sagen, dass der Comic durchweg in einer qualitativ minderwertigen Sprache verfasst ist; bis zu einer bestimmten Altersgrenze kann er den Wortschatz sogar erweitern.

9. Moderne Sprache

Auch Comics unterliegen dem Sprachwandel. Aus diesem Grund richtet sich das Augenmerk auch auf die "moderne Umgangssprache". Sie definiert sich im Einzelnen über Wörter und Redewendungen, die zeittypisch für eine bestimmte Gesellschaft sind. Sie sind übersteigert formulierte Synonyme für einen Ursprungsausdruck. Oftmals sind es bereits existierende Wörter, die in einem anderen Kontext einen neuen Sinn erhalten. Wie auch schon die Interjektionen und Fremdwörter werden diese Wörter im gesamten Korpus untersucht. In der älteren Ausgabe von 1977 beläuft sich der Anteil solcher Ausdrücke auf etwa 0,1%, während sich die Anzahl in dem jüngeren Band fast verdoppelt hat. Offensichtlich unterliegt die Verwendung der Ausdrücke einer steigenden Tendenz. Es bleibt abzuwarten, inwiefern die Tendenz stagniert oder weiter ansteigen wird.

Beispiele: Einleitung

Auto: Karre, Schlitten, Blechwanne, Qualmkiste

Arbeit: Maloche

Laufen: Latschen

Schlafen: Pennen

Fahren: Flitzen, Pfeffern, Donnern

Redewendungen: "Das ist mir Schnuppe!", "Zisch ab, Du Träne!"

10. Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse

An dieser Stelle werden die wesentlichen Bewertungskriterien nochmals übersichtlich hervorgehoben. An Hand dieser Charakteristika wird anschließend eine Bewertung der Qualität der Comicsprache erfolgen.

Satzlänge

Es werden durchweg kurze Sätze verwendet. Lange Sätze bilden eher die Ausnahme.

Silbenzahl

Häufig werden ein bis zweisilbrige Wörter benutzt. Im Zusammenhang mit der kurzen Satzlänge beschleunigen sie den Lesefluss.

Satzvollständigkeit

Bemerkenswert ist die Vielzahl unvollständiger Sätze. Dabei handelt es sich überwiegend um Ellipsen, gefolgt von Sätzen, in denen das Subjekt / Prädikat fehlt, und teilweise abgebrochenen Sätzen. Sie lassen Text sprunghaft erscheinen.

Wortuntersuchung

Die Verben stellen den größten Anteil im Text. Die Handlung wird durch ihren Einsatz vorangetrieben. Sie stehen meistens im Indikativ. Die Adjektive sind seltener und dienen der Unterstützung der Substantive. Die Substantive wiederum ordnen sich dem vom Verb geschaffenen Aktionsmoment unter.

Interjektionen

Auffallend ist die doch geringe Zahl der lautmalenden Wörter. Sie variieren häufig in ihrer Erscheinungsform.

Fremdwörter

Der Gebrauch von Fremdwörtern hält sich in Grenzen.

Moderne Umgangssprache

Sie markiert den zeitgenössischen Wandel der Sprache.

Die Summe der untersuchten Eigenschaften formen den Charakter des Comics. Die eingangs gestellte Frage nach der reduzierten oder qualitativ minderwertigen Sprache ist nicht eindeutig zu beantworten. Um diese Frage zu klären, wären mehrere Faktoren zu berücksichtigen. Der Comic muss nämlich als eigenständige Literaturgattung gesehen werden. Er unterscheidet sich deutlich von anderer Literatur wie z.B. Belletristik oder Sachbüchern. Das geschieht nicht zuletzt durch das Zusammenwirken von Bild und Text. Oftmals werden durch die visuelle Darstellung der Handlung weitere schriftliche Kommentierungen hinfällig. Darüber hinaus stehen die häufigen Dialoge auch als wesentliches Merkmal für diese besondere Art der Literatur. Der Comic will die Form der alltäglichen gesprochenen Sprache nachahmen; kennzeichnend dafür sind die vielen kurzen Sätze, die häufigen Ellipsen und die Kurzsilbrigkeit der Wörter — allesamt Eigenschaften gesprochener Sprache. Man muss den Kritikern des Comic vorhalten, dass sich der Einsatz von Interjektionen und zeitgenössischen Ausdrücken durchaus im Rahmen hält. Der Gebrauch von Fremdwörtern ist zudem ebenfalls spärlich gesät. Insgesamt sollte man die Sprache eher nüchtern beurteilen. Sie entspricht dem Sinn und Zweck, den Rezipienten zu unterhalten.

Der Rezipientenkreis der Donald Duck-Comics beschränkt sich überwiegend auf jüngere Leser, deren Sprache sich noch in der Entwicklung befindet. Übermäßiger Konsum birgt die Gefahr, dass sich jugendliche Leser an die simple Sprache gewöhnen und sie internalisieren. Es sollte im Bewusstsein bleiben, dass diese Form der Literatur nicht als Ersatz "normaler" Kinder- und Jugendliteratur anzusehen ist. Ist man sich dieser Einschränkung bewusst, sollte der Konsum von Comics die Qualität des Spracherwerbs junger Lesers nicht negativ beeinflussen.

11. Literaturverzeichnis

  • Bußmann, Hadumod (1990): Lexikon der Sprachwissenschaft. 2., völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart: Kröner Verlag
  • Donald auf großer Fahrt (1974): Walt Disney’s Lustiges Taschenbuch, Band Nr. 22. Ort: Verlag.
  • Entenhausener Wunschkonzert (1987): Walt Disney’s Lustiges Taschenbuch, Band Nr. 120. Ort: Verlag.
  • Grünewald, Dietrich (1991): Bildgeschichte/Comic: Zähes Ringen um kulturelle Akzeptanz. Zur Notwendigkeit ästhetischer Bildung. In: Faulstich, W: Medien und Kultur. Beiträge zu einem interdisziplinären Symposium der Universität Lüneburg. Göttingen, 101-108.
  • Rennfahrer wider Willen (1999): Walt Disney’s Lustiges Taschenbuch, Band Nr. 269. Ort: Verlag.
  • Volmert, Johannes (Hrsg.) (1997): Grundkurs Sprachwissenschaft. Eine Einführung in die Sprachwissenschaft für Lehramtsstudiengänge. 2., korrigierte und ergänzte Auflage. München: Wilhelm Fink Verlag
  • Welke, Manfred (1958): Die Sprache der Comics. Schriftenreihe zur Jugendnot, Band III. Hrsg. von Kurt-Werner Hesse. Frankfurt am Main: dipa-Verlag.

Endnoten

  1. Grünewald, Dietrich: Bildgeschichte/Comic: Zähes Ringen um kulturelle Akzeptanz. Zur Notwendigkeit ästhetischer Bildung. In: Faulstich, W: Medien und Kultur. Beiträge zu einer interdisziplinären Symposium der Universität Lüneburg. Göttingen 1991, S.101-108
  2. Welke, Manfred: Die Sprache der Comics, 1. Auflage, hrsg. v. Hesse, Kurt-Werner, Frankfurt am Main 1958
  3. Hilfreiche Unterstützung durch Norbert Krüger und die 'Weltbild-Gruppe'.
  4. Volmert, Johannes (Hrsg.) (1997): Grundkurs Sprachwissenschaft. Eine Einführung in die Sprachwissen-schaft für Lehramtsstudiengänge, 2. korrigierte und ergänzte Auflage, München, S. 115 ff.
  5. Ebd. 115 ff.
  6. Ebd. 115 ff.
  7. Ebd. 115 ff.
  8. Bußmann, Hadumont: Lexikon der Sprachwissenschaft, 2. Völlig neu bearbeitete Auflage, Stuttgart 1990

Letzte Aktualisierung: 07.08.2000

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