35th International LAUD Symposium: "Cognitive Psycholinguistics: Bilingualism, Cognition and Communication“

Deborah Krstić (2012)

Bericht als PDF (ohne Bilder)

Über 100 TeilnehmerInnen trafen sich vom 23. bis 26. März zum 35. Symposium der Linguistic Agency (LAUD), zu dem Martin Pütz und Monika Reif nach Landau in der Pfalz eingeladen hatten. „Cognitive Psycholinguistics: Bilingualism, Cognition and Communication“ – so das Thema der Tagung. Spezialisten aus verschiedenen Disziplinen wie der Linguistik, der Psycholinguistik und anthropologischen Linguistik waren eingeladen, ihre (teils mehr theoretischen, teils mehr experimentellen) Studien zur Beziehung von Sprache und Kognition im Bereich Bilingualismus, interkulturelle Studien und Kommunikationsforschung vorzustellen.

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Beeinflusst unsere Sprache die Art und Weise, wie wir denken? Diese Frage wurde bereits durch Wilhelm von Humboldt aufgeworfen, von Benjamin Lee Whorf und anderen verfolgt und wird bis heute kontrovers diskutiert. Noch über 70 Jahre nach Whorfs Tod wurde dessen Hypothese in zahlreichen Vorträgen angebracht, diskutiert, präzisiert und erweitert. So wurde etwa in der Sektion „Theoretical considerations: language, culture and thought“ aus einer neo-whorfianischen Perspektive das Konzept der linguistischen Relativität erörtert. In der zweiten Sektion „Cognitive and linguistic processing in the bilingual mind“ standen insbesondere Effekte der kommunikativen Kompetenz und sprachspezifische Einflüsse auf das Denken bi- und multilingualer Menschen im Zentrum des Interesses, während in der dritten Sektion „Bilingual acquisition and cognitive development in early childhood“ der bilinguale Spracherwerb und Spracherwerbs-strategien thematisiert wurden. 

tl_files/Fotos/LAUD Symposium/DSC_0174.jpgForscherInnen aus 25 Nationen hielten mehr als 70 Sektionsvorträge sowie sechs Plenarvorträge an den vier bestens organisierten Konferenztagen. Nicht nur die Organisation, auch die Unterbringung vieler KonferenzteilnehmerInnen im komfortablen Tagungshotel trugen zu einer einmaligen Atmosphäre bei und boten vielfältige Möglichkeiten zum Austausch. Insbesondere NachwuchswissenschaftlerInnen, die ihre Forschungsprojekte bzw. Qualifikationsarbeiten vorstellten, freuten sich über die einmalige Gelegenheit, mit renommierten und erfahrenen WissenschaftlerInnen ins Gespräch zu kommen.


Chris Sinha (University of Portsmouth/Lund University) sprach in seinem Plenarvortrag zum Thema „When time is not space - evidence from an amazonian language and culture“ und hinterfragte die Universal Mapping Hypothesis, nach der es einen natürlichen, universellen kognitiven Bereich für Zeit (time domain) gibt, welcher die Verwendung des räumlichen Lexikons und der tl_files/Fotos/LAUD Symposium/sinha.jpgGrammatik für die sprachliche Darstellung von Zeitintervallen und zeitlichen Relationen ermöglicht. Seine sozio-kulturell motivierte Mediated Mapping Hypothesis basiert auf den Ergebnissen der Untersuchung der Amondawa-Sprache, welche nicht über kardinale Chronologien wie das Alter von Individuen oder ordinale wie einen jährlichen oder monatlichen Kalender verfüge und keinen abstrakten Begriff für Zeit besitze. Insgesamt basiere das System der Zeitrechnung auf Ereignissen und nicht einer Zeitberechnung im engeren Sinne. Somit sei eine der Universal Mapping Hypothesis entsprechende sprachliche Raum-Zeit-Verortung in der Amondawa-Sprache nicht vorhanden, was eine neo-vygotskianische Sichtweise der semiotischen Vermittlung interkultureller Unterschiede bei kognitiven Prozessen unterstütze. Hier würden Unterschiede bezüglich sprachlicher Strukturen als kulturell motivierte, fest verwurzelte Muster in der sozio-pragmatischen Praxis gewertet, was die Interpretation der Untersuchungsergebnisse nahe lege.

„Bilingual pragmatics“ war das Thema des Vortrags von Istvan Kecskes (University at Albany, State University of New York). Diese unterscheide sich von interlinguistischer Pragmatik dadurch, dass nicht die Grundannahme gelte, es gebe tl_files/Fotos/LAUD Symposium/kecskes.jpgein unabhängiges pragmatisches System für jede Sprache, sondern die Betonung darauf liege, dass Synergien zwischen den pragmatischen Kompetenzen und Fähigkeiten im Sprachgebrauch bilingualer Sprecher aufträten. Weiterhin wirkten sich die unterschiedlichen kulturellen und sprachlichen Erfahrungen von Bilingualen insgesamt auf deren Kommunikation untereinander aus. Hier spiele nicht nur die Kooperation eine wichtige Rolle, sondern auch der kognitive Aspekt des Egozentrismus, der bei den Gesprächspartnern vorausgesetzt und berücksichtigt werden müsse und der in deren kultureller und sprachlicher Prägung wurzele. Als Konsequenzen dieses geringen Common Ground in bilingualer Kommunikation sieht Kecskes die Entwicklung beobachtbarer kommunikativer Strategien, die Nicht-Muttersprachler verwendeten, um Missverständnisse und Konflikte möglichst zu verhindern.

Die Frage, welche Aspekte und Komponenten von Sprache sich in Sprachkontaktsituationen als stabiler als andere erweisen, thematisierte Pieter Muysken (Radboud University Nijmegen) in seinem Vortrag „Exploring stability: models tl_files/Fotos/LAUD Symposium/muysken.pngand methods in language contact research“. In diesem Zusammenhang wurden die Fragen aufgeworfen, welche Elemente sich als besonders stabil und wenig anfällig für kontakt-induzierten Sprachwandel erweisen, welche Eigenschaften zu dieser Stabilität beitragen und ob sich die Stabilität in kontakt-induziertem Sprachwandel von der Stabilität im Sprachwandel allgemein unterscheidet. Ferner wurden unterschiedliche Modelle und Methoden, die zur Beantwortung dieser Fragen dienen könnten, vorgestellt.

Den dritten Tag der Konferenz eröffnete John Lucy (University of Chicago) mit seinem Vortrag über „Language diversity and the development of the mind: The interplay of sense and reference in intellectual development“. Hier stellte er seine Forschungsarbeit mit Yucatan- und Englisch-Sprechern vor, bei denen er mit Stable Object Stimuli untersuchte, inwieweit sprachliuche Unterschiede bezüglich der Zählbarkeit von Gegenständen/Nomen auch kognitive Effekte auf die weiteretl_files/Fotos/LAUD Symposium/DSC_0141.jpg Einordnung dieser Gegenstände unter Berücksichtigung ihres Materials haben (shape vs. material composition) und inwieweit es vorhersehbare kognitive Präferenzen bei den unterschiedlichen Sprechergruppen gibt. Unter anderem habe sich herausgestellt, dass es solche Präferenzen tatsächlich gebe, die sich zudem mit zunehmendem Alter stärker entwickelten. Zusätzlich zur Präsentation seiner eigenen Forschungsergebnisse legte John Lucy einen besonderen Fokus auf die zukünftigen Untersuchungen zum Zusammenspiel von Bedeutung und Referenz, die in Form von Entwicklungs-studien mit Kleinkindern, Studien mit Gehörlosen oder bilingualen Sprechern durchgeführt werden könnten.

Annette de Groot (University of Amsterdam) stellte in ihrem Plenarvortrag „Phonological, grammatical, and semantic accents in bilinguals’ L1 and L2 and their cause(s)“ diverse Studien vor. tl_files/Fotos/LAUD Symposium/de_groot.pngKognitive Gründe für ‚Akzente‘ bei Bilingualen seien zum einen die gleichzeitige Aktivierung der Gedächtnisstrukturen, die Elemente der Erstsprache repräsentieren, und derjenigen, die Elemente der Zielsprache repräsentieren (parallel activation). Zum anderen spielten Repräsentationsunterschiede (representation differences) bestimmter sprachlicher Elemente zwischen Bilingualen und Monolingualen eine Rolle. Die Akzente seien nicht nur phonologischer Art, sondern auch orthographischer, grammatischer und semantischer Natur und äußerten sich in Form von Beeinträchtigungen der produktiven und/oder rezeptiven Kompetenz, je nach dem, welche Elemente parallel aktiviert würden.

Den abschließenden Plenarvortrag hielt Aneta Pavlenko (Temple University, Philadelphia) über „The bilingual mind: neo-whorfian approaches to the study of bilingualism and cognition“ und bildete damit den perfekten Abschluss des Symposiums. Sie warf die Fragen auf, ob das Erlernen einer neuen Sprache Einfluss auf unser Denken tl_files/Fotos/LAUD Symposium/DSC_0188.jpghabe, ob Bilinguale in anderer Art und Weise über die Welt denken und was mit ‚Denken‘ im bilingualen Kontext überhaupt gemeint sei. Basis für die Beantwortung dieser Fragen waren aktuelle Neo-Whorfianische Untersuchungen, die mit bilingualen Sprechern in den Bereichen Farben, Zahlen, Zeit, Bewegung, Raum und Ereigniswahrnehmung durchgeführt wurden. Dabei habe sich gezeigt, dass es z. B. bei der Beschreibung von räumlichen Relationen und Farben und der Kategorisierung von Objekten Destabilisierungseffekte in Bezug auf die L1 gebe. Weiterhin sei eine Koexistenz von Mustern (patterns) der L1 und L2 zwar möglich; dies sei jedoch nicht die bevorzugte Variante, da es entweder zu Konvergenzen oder zu Destabilisierungseffekten komme.

In weiteren Vorträgen in den Sektionen wurden kognitive Studien zu Bilingualität und Multilingualität mit unterschiedlichsten Sprachen vorgestellt, wie beispielsweise zum Priming bei hebräisch-englischen Bilingualen (Yisrael Smith, Bar-Ilan University), zu sprachlicher und räumlicher Kognition bei Sprechern des Sumu-Mayangna, nicaraguanischen und barcelonischen Spanisch (Alyson Eggleston, Purdue University) oder zum französisch-deutschen bilingualen Erstspracherwerb (Catrin Bellay, Nantes University).

Die verschrifteten Vorträge des Symposiums werden in zwei Sammelbänden bei John Benjamins und Mouton de Gruyter veröffentlicht werden. Das 36. LAUD Symposium im Jahr 2014 wird sich voraussichtlich dem Thema „Language Change“ widmen und erneut in Landau in der Pfalz von Martin Pütz und seinem Team ausgerichtet werden.

Bericht: Deborah Krstić
Zeichnungen: Anna Tkachenko
Fotos: Ulrich Schmitz