Über die Zeitschrift OBST

Die Zeitschrift OBST hat seit Mitte der 1970er Jahre auf die sprachlichen Verhältnisse ein wenig, auf die Sprachwissenschaft ein wenig mehr Einfluss genommen. Mit den Themen Sprache und Geschlecht (schon 1978), Analphabetismus in der BRD, mit Bänden zur aktuellen Fachgeschichte, insbesondere zur Linguistik in der DDR, zu sprachpolitischen Fragen, zu Schrifterwerb und Schriftkultur, zu Sprachbewusstheit, verschiedenen Aspekten angewandter Sprachwissenschaft (Therapeutischer Diskurs, Sprach- und Kommunikationsstörungen, Kommunikation in Institutionen, Zweitspracherwerb), mit zahlreichen Beiträgen zum schulischen Sprachunterricht …

Bei der Auswahl der Themen wie der einzelnen Beiträge haben Herausgeber und Redakteure des jeweiligen Bandes darauf geachtet, Sprache in ihren funktionalen Zusammenhängen mit der Praxis sprechender Menschen zu begreifen und darzustellen, sie nicht auf Beispielsätze und Fußnoten zu reduzieren. Nicht nur dies hat OBST in Gegensatz zu den verschiedenen Mainstream-Linguistiken gebracht, die in den letzten zwei Jahrzehnten die Landschaft bevölkerten. Die Herausgeber von OBST haben sich dem heute vielfach als altmodisch abgetanen Aufklärungsprojekt verschrieben, die Sprachverhältnisse den Menschen transparent zu machen, was nichts anderes heißt, als sie ihnen begreifbar und verfügbar zu machen – anstatt den sprechenden Menschen in Theorieentwürfen als empirisch leeres Objekt zu dekonstruieren. Und es sollten sich gerade die Linguisten hierzulande ab und an daran erinnern, dass diese politische Verantwortlichkeit dazu beigetragen hat, die Disziplin Anfang der 1970er Jahre zu etablieren und ihnen heute Arbeit und Brot zu sichern.
War es diese Verantwortlichkeit, die uns als Herausgeber immer wieder davor bewahrt hat, es mit dem gerade fertiggestellten Band gut sein zu lassen, sohat sich OBST samt Herausgeberkreis trotz allem dauernd gewandelt.

Das Erscheinungsbild der Bände hat sich geändert, die anfängliche Schreibmaschinenästhetik, der mit z.T. handschriftlichen Korrekturen noch die Genese der Manuskripte anzusehen war, ist mit fortschreitender Technik professionellem Computersatz gewichen. Man mag dies bedauern oder nicht - OBST ist jedenfalls lesbarer geworden und enthält bei geringfügig erweitertem Umfang nahezu die doppelte Menge Text wie zu Beginn. Wurde OBST damit aber auch lesenswerter oder ist das Projekt mitsamt seinen Herausgebern älter, abgeklärter und langweiliger geworden? In den Anfangszeiten galten wir (und fühlten wir uns) als junge, aufmüpfige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit ungesicherter Perspektive und machten OBST vor allem für unsere Studierenden und andere Kolleginnen und Kollegen, mit denen wir uns in der Kritik am unpolitischen, reformunwilligen und praxisfernen akademischen Etablissement eins wussten. Gleichwohl sind die meisten von uns mittlerweile selbst dort angekommen, bemüht, Engagement mit Erfahrung, Spezialwissen mit Überblick anzureichern.

Doch reicht dies hin, um nicht in akademisches Sprachgehabe, thematische Unverbindlichkeit und modische Kurzzeitorientierungen zu verfallen oder schnelle Konsumierbarkeit komplexer Zusammenhänge durch unangemessene Schlichtheit der Darstellung und vordergründige Aktualisierung vorzutäuschen? Wir wollen es wissen, mit mehr Lesern auch außerhalb universitärer Sprachwissenschaft, mit Lesern, die auch in OBST schreiben, kurz, mit jenen, die noch mehr Fragen als Antworten haben.

(aus dem Geleitwort zu Heft 50 (1995); leicht geändert)