Stöckl, Hartmut: Die Sprache im Bild - Das Bild in der Sprache. Zur Verknüpfung von Sprache und Bild im massenmedialen Text.
Berlin/New York: de Gruyter, 2004.
1. Einleitung
Die Beschäftigung mit Bildern und insbesondere Sprache-Bild-Bezügen
ist ein recht neues und nicht unumstrittenes Arbeitsgebiet der
Linguistik. Nur langsam beginnen Linguisten, Text-Bild-Kombinationen zu
untersuchen – Theorien und Methoden liegen weitestgehend noch nicht vor.
Mit dem Erscheinen von Hartmut Stöckls Buch „Die Sprache im Bild – Das
Bild in der Sprache" ist die Erforschung von Text-Bild-Bezügen um einige
wesentliche Erkenntnisse bereichert worden. Stöckl möchte mit seiner
Arbeit „einem verbreiteten linguistischen Logozentrismus" (S. 1)
entgegenwirken und verortet die Untersuchung von Bildern und
Kombinationen von Text und Bild als Forschungsgegenstand der
Textlinguistik.
2. Aufbau und Inhalt
Das Buch ist übersichtlich in acht Kapitel unterteilt. In Kapitel 0
(43 Seiten) gibt der Autor eine Einführung in die
Untersuchungsschwerpunkte seiner Arbeit, die grundlegenden
Fragestellungen und den Forschungskontext. Dabei stellt er die Bedeutung
von Bildern in der Kommunikation heraus und geht der Frage nach, ob
Bilder für die Verständigung ersetzlich oder unersetzlich sind.
Anschließend untersucht Stöckl die verschiedenen Herangehensweisen an
das materielle Bild in verschiedenen Wissenschaften/Disziplinen. Das
Einführungskapitel endet mit der Vorstellung einiger zentraler
Fragestellungen zu Text-Bild-Kombinationen, die anhand von Beispielen
präsentiert werden.
Kapitel 1 „Bilder – Bildlichkeit – Bildtheorien" (46 Seiten) stellt
bisherige Bildtheorien teilweise sehr knapp dar und bewertet diese
kritisch. Dabei werden die Theorien einzelnen Wissenschaften zugeordnet
und ein Systematisierungsversuch unternommen. Stöckl berücksichtigt
philosophische Bildtheorien, wozu er die Ähnlichkeitstheorie, die
kausale Theorie des Bildes, die Systemtheorie des Bildes,
intentionalistische Bildtheorien und Gebrauchstheorien des Bildes zählt,
Bildtheorien aus der Domäne der Psychologie – unterteilt in die
Disziplinen ökologische Psychologie, kognitive Psychologie und
Neurophysiologie/-psychologie – und linguistisch-semiotische
Bildtheorien, wobei der Schwerpunkt seiner Darstellung auf der als
funktional-grammatisch bezeichneten und zur Beschreibung von Bildern und
Text-Bild-Beziehungen oft herangezogenen Bildtheorie von Kress/van
Leeuwen (1996) liegt.
In Kapitel 2 (59 Seiten) werden Bilder als Untersuchungsgegenstand
der (Text-) Linguistik etabliert und ein linguistisch-kommunikativer
Bildbegriff entworfen. Stöckl begreift materielle Bilder als visuelle
Texte und untersucht Bilder hinsichtlich der Gegebenheit der klassischen
Textualitätskriterien von de Beaugrande/Dressler (1981) wie Kohäsion,
Kohärenz, Intertextualität etc. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Bilder
verschiedene Klassen von Textmerkmalen aufweisen: 1. allgemeine
Textmerkmale, die allen Bildern zu Eigen sind und die Klassifizierung
von Bildern als Texten erlauben, 2. spezifische Merkmale, die zur
Feststellung der Verschiedenheit von Bildern herangezogen werden können,
und 3. individuelle Textmerkmale, die eine Typologisierung von
Bildsorten und -mustern ermöglichen.
Anschließend stellt der Autor das Bild als „prototypisches Konzept"
(S. 105) vor. Dabei stellt er grundlegende Eigenschaften von Bildern
heraus und ordnet diese Rand-, Zentrums- und Kernbereichen von Bildern
zu. Auch die Kategorie Bild wird hinsichtlich dieser Bereiche
unterteilt. Auf diese Weise entwirft der Autor eine Typologie, in der er
beispielsweise Piktogramme und Layoutinstrumente dem Randbereich von
Bildern und fiktionale Bilder dem Zentrumsbereich der Kategorie Bild
zuordnet; das fotografische Bild versteht Stöckl als Prototyp im
Kernbereich der Kategorie Bild.
Im folgenden Abschnitt des Kapitels 2 betrachtet der Autor die
Möglichkeiten der Typologisierung von Bildern. Er entwirft ein Modell
der individuellen Bildtypologisierungskompetenz, bei der ein Betrachter
nach Ansicht Stöckls u. a. die kognitive Verarbeitung von Bildern, deren
Abbildungspraktiken, materielle und mediale Beschaffenheit sowie
Bildqualitäten als Typologisierungskriterien beachten muss, um ein Bild
einordnen zu können. Dieses Modell überprüft er anhand von zwei
Beispielen aus Zeitungsartikeln – einem explikativen und einem warnenden
Bild – und kommt zu dem Ergebnis, dass sich Bilder nach einzelnen
Bildmerkmalen sowie Bildmerkmalsclustern kategorisieren lassen. Im
Unterkapitel 2.8 „Praktische Bildsortenanalyse" wagt der Autor die
Typologisierung von sechs Bildsorten – dem Werbe-, Zeitungs-,
Illustrierten-, Comic-, Karikaturbild und dem fachlichen Bild.
Da ein Schwerpunkt von Stöckls Arbeit die Untersuchung der
Schnittstelle zwischen sprachlichen (Phraseologismen/Idiome und
Metaphern) und materiellen Bildern ist, beschäftigt er sich in Kapitel 3
(45 Seiten) mit dem sprachlichen Bild. Er setzt sich mit dem
Forschungsstand der Phraseologie und der Idiomatizität auseinander und
stellt Vermutungen über die kognitive Verarbeitung von Phraseologismen
an. Sein Grundgedanke, der ihn bei der Betrachtung von phraseologischen
Ausdrücken leitet, ist der von „Analogien zwischen der Bildlichkeit
phraseologischer Ausdrücke und der Phraseologizität des materiellen
Bildes" (S. 151). Bei der Untersuchung von Phraseologismen geht der
Autor einen vom Forschungskontext abweichenden, pragmalinguistisch
ausgerichteten Weg. Dieser zeigt sich u. a. in Äußerungen wie dieser:
„Idiomverstehen vollzieht sich nicht in einem speziellen
«Operationsmodus» der Sprachkompetenz, d. h. idiomatischer
Sprachverarbeitungsprozesse in mentalem Lexikon und Grammatik (Parser).
Stattdessen sind es vor allem pragmatische Ko- und Kontextinformationen,
die es uns ermöglichen, aus den im «normalen» Sprachverstehen
verfügbaren unterschiedlichen Bedeutungen der phraseologischen
Komponenten und ihren syntagmatischen Verknüpfungsmöglichkeiten
auszuwählen, um einen in der jeweiligen Kommunikationssituation
adäquaten Sinn zu (re-)konstruieren."
Das Kapitel 4 (40 Seiten) hat in gewisser Weise eine
Brückenfunktion – wurden bisher entweder sprachliche oder materielle
Bilder betrachtet, werden sie nun gemeinsam in ihrer Eingebundenheit in
Texte analysiert, um ihre „Funktionsanalogien (funktionale Isomorphien)"
aufzuzeigen und ein Modell des „bildlich-anschaulichen Verstehens
solcher Sprache-Bild-Texte" (S. 199) zu entwerfen. Im Unterkapitel 4.5
„Praktische Textanalyse" werden abschließend anhand von drei
Werbeanzeigen die bisherigen Annahmen überprüft.
Erst in Kapitel 5 (55 Seiten) beschäftigt sich der Autor mit
allgemeinen Text-Bild-Kombinationen (der Begriff allgemein ist in dem
Sinne zu verstehen, dass es generell um Kombinationen von Sprache und
Bild geht und nicht um Verknüpfungen von materiellen mit sprachlichen
Bildern). Als Sprach-Bild-Bezüge definiert Stöckl „jedwede Verknüpfung
von sprachlichen mit bildlichen Zeichen im Rahmen eines Gesamttextes"
(S. 243). Im weiteren Verlauf des Kapitels analysiert der Autor die
wesentlichen Merkmale von Sprache-Bild-Bezügen, vergleicht die beiden
Modalitäten Sprache/Bild miteinander und resümiert und kategorisiert
Vorarbeiten auf diesem Forschungsgebiet. Außerdem stellt er einen neuen
Ansatz zur Typologisierung von Text-Bild-Kombinationen vor, da seines
Erachtens vorhandene Typologien – insbesondere die weit gehend
akzeptierte Typologie von Gaede (1981) – aufgrund ihrer Komplexität die
Textanalyse überforderten und Verwirrung stifteten. Ferner
berücksichtigten vorhandene Modelle nur einzelne Aspekte von
Text-Bild-Bezügen – syntaktisch-räumliche oder global-semantische.
Stöckls Ansatz orientiert sich deshalb u. a. an folgenden Kriterien und Fragestellungen (vgl. S. 252f.):
- Art des Bildes: Was sind die Art und Weise der Darstellung/Abbildung, technische/mediale Eigenschaften, die Gestaltung (z. B. Farbe) etc.?
- Textstrukturen: Wie arbeiten Sprache und Bild im Text zusammen, und wie etablieren sie gemeinsam einen Gesamttext?
- Semantisch-pragmatische Brücke zwischen Text und Bild: Welche spezifischen Funktionen übernehmen Sprache und Bilder bei der Bedeutungsbildung?
- Kognitive Operationen: Welche Typen von Sprache-Bild-Bezügen bedingen welche kognitive Verarbeitung, und welche Produktions- und Rezeptionsprozesse können rekonstruiert werden?
- Bild-Bild-Bezüge: Wie werden Bilder untereinander im Text verbunden, und welche Funktion übernimmt dabei die Sprache?
Kapitel 6 ist mit 75 Seiten das umfangreichste. Es ist der Analyse
von Kombinationen von Sprachbildern und materiellen Bildern gewidmet und
stellt den Schwerpunkt der Arbeit dar. Für verschiedene
Phraseologismus-Typen und Idiomatizitätsgrade und ihre Verknüpfung mit
Bildern in Texten findet und untersucht der Autor zahlreiche Beispiele
in Werbeanzeigen. Des Weiteren werden wie bei den „allgemeinen"
Text-Bild-Kombinationen in Kapitel 5 die semantischen Verbindungen
zwischen Bildmodalitäten sowie der Beitrag von sprachlichen und
materiellen Bildern zum Gesamttext durchleuchtet. Auch
Designeigenschaften von materiellen Bildern in Text-Bild-Kommunikaten
werden berücksichtigt.
In Kapitel 7 – betitelt mit „Resümee" – fasst Stöckl auf neun
Seiten die Ergebnisse seiner Arbeit zusammen und stellt recht kurz drei
Forschungsfelder vor, auf denen „weitere Forschungsarbeit notwendig und
Erfolg versprechend" sei:
- Entwurf einer an der Pragma- und Textlinguistik orientierten Zeichentheorie des Bildes mit einheitlichen Terminologien
- Entwicklung einer auf Stöckls Ansatz basierenden Typologisierung von Sprache-Bild-Bezügen
- Weitere Erforschung der sprachlichen Bildlichkeit und ihrer Verbindung mit materiellen Bildern.
3. Bewertung
Das Hauptverdienst des Buchs „Die Sprache im Bild – Das Bild in der Sprache" liegt in zwei wesentlichen Errungenschaften:
- Text-Bild-Kombinationen werden als Untersuchungsgegenstand der pragmatisch ausgerichteten Textlinguistik etabliert. Damit werden Bilder als legitimer Forschungsgegenstand der Linguistik herausgestellt. Außerdem liegen mit diesem Buch weitere Instrumente zur Typologisierung von Bildern und Text-Bild-Bezügen vor, die für weitere empirische Untersuchungen genutzt werden können.
- Das Zusammenspiel zwischen sprachlichen und materiellen Bildern wird detailliert erklärt. Anhand zahlreicher, sorgfältig ausgewählter Beispiele aus den Printmedien werden die enge Verbindung zwischen sprachlichen und materiellen Bildern und deren kognitive Verarbeitung plausibel dargestellt.
In Bezug auf die bei der Untersuchung herangezogene Literatur sind
die Vollständigkeit und Vielfalt in besonderem Maße zu würdigen. Das
Literaturverzeichnis umfasst mehr als 20 Seiten. Da es sich bei dieser
Arbeit aber um eine leicht überarbeitete Fassung seiner 2002 beendeten
Habilitationsschrift handelt, wurden vom Autor größtenteils nur
Publikationen herangezogen, die bis zum Jahr 2001 veröffentlicht wurden.
Die einzigen Publikationen neueren Datums im Literaturverzeichnis sind
eigene Arbeiten Stöckls.
Kritikpunkte gibt es meinerseits nur wenige. Dies liegt vor allem
daran, dass der Autor durch seine bedachte und ausführlich begründete
Vorgehensweise potentieller Kritik den Wind aus den Segeln nimmt.
Einige Tabellen hätten meines Erachtens noch genauer ausgearbeitet
werden können. Auf Seite 124f. präsentiert Stöckl beispielsweise ein
Modell der Bildsortentypologisierung, welches die Unterteilung von
Bildern hinsichtlich verschiedener Typologisierungskriterien auf drei
Ebenen – der Ebene der textkonstitutiven Faktoren, der Ebene der
Textverwendungsfaktoren und der Ebene der Textrezeptionsfaktoren –
ermöglicht. Die dargestellte Tabelle besteht aus den Spalten
„Typologisierungskriterium", „Begrifflichkeiten" und „Bildbeispiele".
Auch wenn angeblich mit diesem Modell „weder Vollständigkeit noch
endgültige Richtigkeit im Hinblick auf die vorgenommene Ordnung und
Ebenenbildung" (S. 124) intendiert ist, so ist diese Tabelle jedoch für
mein Empfinden nicht präzise genug und bietet zu viel
Interpretationsspielraum. Ferner werden mehrere
Typologisierungsbeispiele mit Bildbeispielen und nicht mit
Begrifflichkeiten erklärt (vgl. Zeilen 3., 4., 6., 9., 10. in Abbildung,
die einen Ausschnitt des Typologisierungsmodells präsentiert).
Des Weiteren frage ich mich, ob es sinnvoll war, die
Typologisierung von Text-Bild-Bezügen anhand der visuellen/verbalen
Rhetorik nach Gaede 1981 mit der Begründung, dass sie zu komplex sei, zu
verwerfen und sie durch einen neuen Analyseansatz zu ersetzen, der
ebenso komplex ist. Dass für eine umfassende Analyse von
Text-Bild-Kombinationen ein neues Analysemodell entworfen werden muss,
weil sich die existierenden Modelle nur auf einzelne Teilaspekte des
Zusammenspiels von Text und Bild konzentrieren, ist sicherlich richtig,
aber eine Integration von Gaedes Typologisierung in dieses Modell wäre
auch ein gangbarer Weg gewesen.
Negativ fallen auch eine Reihe von Grammatik- und
Rechtschreibfehlern auf, die dem Lektorat offenbar entgangen sind;
angesichts des hohen Buchpreises darf man hier wohl mehr Sorgfalt
erwarten. So stolpert man beim Lesen beispielsweise auf Seite 151 über
die Formulierung „Ich willen Fragen", und auf Seite 196 findet man eine
„Gemeinschaft von Bildbenutzer" und die „Textproduktions- und
-ge-stal-tungs-gewohnheit der Schreiber und Designer bimodaler Text".
Abschließend kann man festhalten, dass mit diesem Buch ein erster
Meilenstein der linguistischen Erforschung von Text-Bild-Kombinationen
vorliegt. Ich empfehle diese Veröffentlichung wärmstens allen Leserinnen
und Lesern, die sich für die Beziehungen zwischen Sprache und Bild
interessieren. Sie sollte außerdem in keiner wissenschaftlichen
Bibliothek fehlen.
Literaturhinweise
- De Beaugrande, Robert/Dressler, Wolfgang (1981): Introduction to text linguistics. Harlow: Longman.
- Gaede, Werner (1981): Vom Wort zum Bild. Kreativ-Methoden der Visualisierung. München: Langen-Müller-Herbig.
- Kress, Gunther/ van Leeuwen, Theo (1996): Reading images. The grammar of visual design. London: Arnold
Rezensiert von Marcus Wetzchewald. Jahr: 2004