Henning Lobin: Die wissenschaftliche Präsentation. Konzept - Visualisierung - Durchführung.

Paderborn: Ferdinand Schöningh (UTB 3770) 2012. (197 S., 53 Abb., € 19,99)

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Darauf haben wir lange gewartet: endlich ein rundum überzeugender Ratgeber für die Anfertigung wissenschaftlicher Präsentationen! Tatsächlich ist es der erste wissenschaftlich fundierte. Und wer nicht darauf gewartet hat, trägt entweder ein bedauernswert dickes Fell gegen Ödnis, Monotonie und Langeweile in der Wissenschaft oder aber steckt knietief in Vorurteilen gegen Vermittlungsformen, die über Worte und Bleiwüsten hinausgehen. Wie viele gleichgültig absolvierte Konferenzbeiträge, gnadenlos runtergeleierte Vorlesungen, einschläfernd abgelesene Berufungsvorträge, schlampig dahingeschluderte Seminarreferate haben wir ertragen müssen, wie viele grauenhaft zusammengestoppelte PowerPoint-Präsentationen ausgehalten – die einen endlos textlastig, die anderen hirnlos kitschig-bunt aufgepeppt! tl_files/bilder/Publikationen-Rezensionen/Lobin.jpgIrgendwie haben große Teile der wissenschaftlichen Gemeinde den vielbeschworenen pictorial turn noch nicht verdaut. Unvernünftig logozentrischer Glaube an das gedruckte Wort (sola scriptura) beherrscht immer noch erhebliche Teile der wissenschaftlichen, vor allem geistes- und sozialwissenschaftlichen Szenerie, als verdürben Bilder und Bewegung diszipliniertes Denken. Nicht selten maskiert sich mediendidaktische Inkompetenz mit vermeintlich bildungsbürgerlicher Arroganz: bloß keine Bilder, bloß keine Anschauung!

Henning Lobin dagegen setzt auf Visualisierung abstrakter Sachverhalte (S. 60) und plädiert dafür, „abstrakte wissenschaftliche Inhalte in eine narrative Form zu bringen“ (S. 31). Das sind zwei verschiedene, traditionell eher angelsächsische Strategien, die Wissenschaft lebendig und erlebbar machen. Lobin verknüpft sie in seinem Konzept computergestützter Präsentationen, die damit als das erscheinen, was sie tatsächlich sind: Theater. Das Buch bietet eine konsistente Dramaturgie multimodaler Präsentationen mit handlungsorientierten Reflexionen und präzisen Anweisungen für gute (d.h. fachlich und didaktisch überzeugende) Schauspiele wissenschaftlicher Vermittlung.

In dieser Perspektive „können die Produktionsphasen einer Präsentation an die Produktionsschritte für eine Theateraufführung angelehnt werden“  (S. 20), und die Anforderungen und Erwartungen an den Präsentator können exakt formuliert werden. Daraus ergibt sich die Gliederung des Buches. Weil gute (im Gegensatz zu schlechten) Präsentationen weder illustrierte noch schriftlich verdoppelte Reden sind, sondern sich (wie Schauspiele) zugleich auf der Ebene des Sprachlichen, des Visuellen und des Handelns vollziehen (S. 19), müssen die fünf Produktionsstadien der klassischen Rhetorik (inventio, dispositio, elocutio, memoria, pronuntiatio) entsprechend angepasst werden. In der Phase der „Konzeption“ (Kap. 3) werden Thema und Grobstruktur bestimmt und die Materialien zusammengestellt. Bei der folgenden „Visuellen Gestaltung“ (Kap. 4) wird das darstellerische Rahmenkonzept einschließlich des Verhältnisses von Rede und Visualisierung entworfen. In der dritten Phase namens „Inszenierung und sprachliche Gestaltung“ (Kap. 5, mit 51 S. das umfangreichste aller acht Kapitel) wird die Inszenierung des Schauspiels entwickelt: Storyboard, Aufbau, Reihenfolge, Gliederungsmittel, Feinheiten der Präsentation. Bei der „Aufführung“ selbst (Kap. 6) geht es um technische Einrichtung der Bühne, mentale Konzentration und Gelassenheit sowie Interaktion mit dem Publikum. Für die oft nachfolgende „Dokumentation“ (Kap. 7) etwa im Internet oder in gedruckter Form muss die Präsentation überarbeitet werden.

Jedes Kapitel geht alle notwendigen Gesichtspunkte und Teilschritte detailliert durch, stellt sie in den konzeptionellen Rahmen der gesamten Präsentationslehre und visuellen Rhetorik, führt Beispiele vor und gibt handwerkliche Tipps und Tricks. Dabei werden die jeweils relevanten der fünf Rollen des Präsentators als Autor, Grafiker und Bühnenbildner, Regisseur, Darsteller und Dokumentarist (S. 22 f.) beleuchtet.

Für den Leser, egal ob erfahrener Präsentator oder Novize, ergibt sich auf diese Weise ein ebenso pfiffiger wie solider, theoretisch überzeugend durchdachter und handwerklich bis in kleine Feinheiten ausgearbeiteter Lehrgang zur Erstellung wissenschaftlicher Präsentationen. An geeigneten Stellen wird auf Fachliteratur, andernorts dokumentierte eigene Korpusuntersuchungen sowie systematische Rezeptionsexperimente hingewiesen, deren Ergebnisse in den Band eingeflossen sind. Dadurch wird dessen Ratgeber-Duktus nicht unterbrochen, sondern wissenschaftlich fundiert.

Dem eigenen Anspruch gemäß werden die Gedanken klar geführt, die Texte sehr leserfreundlich formuliert und die visuelle Darbietung unaufdringlich nützlich gestaltet. Jedes Kapitel mündet in eine knappe, informative Zusammenfassung. Den fünf handlungsorientierten Kapiteln 3 bis 7 sind passende Übungen beigegeben. Verzeichnisse der verwendeten Literatur, gebräuchlicher Präsentationssoftware (23 Titel mit kurzer Charakteristik) und nützlicher Online-Ressourcen runden den Band ab.

Dank seiner glasklaren Struktur eignet sich Lobins Lehrgang auch als Nachschlagewerk für Einzelfragen bei der Erstellung einer Präsentation. Wer ihm folgt, wird sich hier und da dankbar die Augen reiben: Wieso bin ich nicht selbst darauf gekommen? Wieso habe ich bisher gegen simple Maximen verstoßen? Sie oder er wird fremde Präsentationen selbstbewusster beurteilen, muss mehr gedankliche Arbeit und handwerkliche Sorgfalt in eigene Präsentationen stecken und wird dafür reich belohnt werden sowohl durch kreative Produktionslust als nunmehr gelernter Wissenschafts-Autor/Regisseur/Schauspieler als auch durch ein dankbares Publikum in Konferenzen, Vorträgen und Seminaren. So mausert sich Trauerpoint zu Schlauerpoint.

Was könnte das Buch noch besser machen? Die (auf S. 8) versprochenen Folien stehen derzeit (November 2012) noch nicht im Internet. Einige wenige Kommafehler sollten korrigiert werden. Hier und da wünscht man sich einen Hinweis auf Möglichkeiten anderer Präsentationsprogramme als (fast immer) PowerPoint und (selten) Prezi. Und vor allem verfolgt der Lehrgang eine strenge Reihenfolge der einzelnen Arbeitsschritte, die im wirklichen Leben sowohl von Studierenden als auch von akademischen Lehrern und anderen Wissenschaftlern eher selten verwirklicht werden dürfte. Vor allem geübte Präsentatoren, aber auch Anfänger, werden in der Praxis mehr oder weniger oft und auch sinnvoll-kreativ zwischen den ersten drei Phasen hin- und herspringen; und sie sollten auch aus der vierten Phase (der eigentlichen Aufführung) noch lernen können für künftige Wiederholungen oder neue Schauspiele. Natürlich verfolgt ein Lehrgang ein prototypisches Modell, an dem man sich orientieren kann und auch soll. Doch in der Praxis wird man – etwa aus Zeitmangel – manchmal Abstriche machen müssen und – etwa aus Begeisterung – manchmal der leitenden Hand des Schauspiel-Lehrers entgleiten wollen und sollen. Beides könnte mit ein paar Sätzen hier und da vielleicht noch unterstützt werden. Mehr weiß ich aber wirklich nicht zu meckern.

In einem nächsten Schritt könnte die noch ganz junge empirische Präsentationsforschung auch von Konzepten und Ergebnissen der prozessorientierten Schreibforschung lernen. Vielleicht gibt es ja nicht nur verschiedene Phasen und Rollen, sondern auch Präsentationsstrategien und Typen von Präsentatoren sowie unterschiedliche Kompetenzstufen. Warum sollten multimodale Präsentationen nur der Vermittlung und nicht auch der Artikulation und Erzeugung von Wissen dienen – etwa im Sinne von Carl Bereiters „epistemischem Schreiben“ oder Friedrich Nietzsches Beobachtung, unser Schreibzeug arbeite mit an unseren Gedanken? Auch Theater didaktisiert ja nicht vorgegebene Inhalte, sondern lädt zur Gestaltung neuer Sichtweisen ein.

Fazit: Ein originelles, klares, gut lesbares, theoretisch wie empirisch fundiertes, informationsreiches, handlungsorientiertes, anregendes, nützliches und alltagstaugliches Lehrbuch für alle, die mit Wissenschaft ein Publikum begeistern wollen. Großer Applaus, viele Bravo-, keine Buh-Rufe!


Rezensiert von Ulrich Schmitz (2012)

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