Ursula Bredel:
Interpunktion
Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2011 (100 S.; 13 €)
Die deutsche Zeichensetzung praktisch zu beherrschen, ist für viele Schreibende – inklusive einiger Germanistikstudenten – mitunter ein Buch mit sieben Siegeln. Sich theoretisch mit Interpunktion im Rahmen linguistischer Lehrveranstaltungen auseinanderzusetzen, kann daher eine Herausforderung sein.
Mit ihrer 2008 veröffentlichten Habilitationsschrift „Die Interpunktion des Deutschen – ein kompositionelles System zur Online-Steuerung des Lesers“ liefert Ursula Bredel einen neuen Betrachtungsansatz hinsichtlich der Interpunktion als Ganzer. Ausgehend von rein graphotaktischen und graphetischen Parametern, stellt sie den Leseprozess ohne Regelanbindung in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung und versucht so, die Funktion der einzelnen Zeichen rein schriftlinguistisch darzustellen.
In Anlehnung an ihre Habilitationsschrift hat Bredel nun eine didaktisch aufbereitete und reduzierte Fassung ihrer Arbeit in Form eines Arbeitsbuches herausgebracht. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um ein Lern- und Übungsbuch für die Schreibpraxis, sondern um ein rein auf Schrifttheorie bezogenes Lehrbuch.
Der Grundgedanke ist, Interpunktionszeichen keinen sprachlichen Konstruktionsgrößen zuzuschreiben (Offline-Annahme), wie z.B. dass der Punkt das Ende eines Satzes anzeige; es soll vielmehr hinterfragt werden, inwieweit die Zeichen den Leser bei der Sprachverarbeitung lenken (Online-Annahme) (vgl. S. 5). Dies betrifft keinesfalls nur Zeichen auf syntaktisch-textueller Ebene, wie beispielsweise Punkt oder Komma. Auch die Zeichen auf morphologischer Ebene wie der Bindestrich oder der aus normativer Sicht in seinem Gebrauch oft mit Argwohn betrachtete Apostroph gehören zum Inventar.
Beginnend mit grundlegenden Überlegungen dazu, wie sich Interpunktionszeichen unter Berücksichtigung der Diachronie zunächst von anderen Zeichen abgrenzen lassen, wie z.B. <§>, erläutert Bredel Formeigenschaften der Zeichen. Grundbegriffe wie Graphetik und Graphotaktik werden anschaulich dargelegt (S. 15-23). Dies bildet die Grundlage für lesepsychologische Erklärungen hinsichtlich der Verarbeitung beim Leseprozess wie Scanning, Processing, Parsing etc. (S. 23-31). Dem Großteil der letzten zwei Drittel des Buches sind die einzelnen Interpunktionszeichen gewidmet (S. 31-89). Hierbei unterteilt Bredel die Zeichen in Satzzeichen (Komma, Punkt, Doppelpunkt und Semikolon), kommunikative Zeichen (Fragezeichen, Ausrufezeichen, Klammern und Anführungszeichen) sowie in eine restliche Gruppe, zu welcher der Trennstrich (Divis), Gedankenstrich, Apostroph und die Auslassungspunkte gehören. Gerade die „Restzeichen“ als Gruppe betrachtet zeigen laut Bredel Irregularitäten auf morphologischer und textueller Ebene an (vgl. S. 31). Die kommunikativen Zeichen sollen sich vor allem dadurch auszeichnen, dass bei ihnen die Rollen des (nicht-)wissenden Schreibers/Lesers in den Mittelpunkt rücken (vgl. S. 49). Durch solche Betrachtungsweisen hebt Bredel die „traditionelle“ offline-markierte Auffassung von Satzschlusszeichen, paarigen Satzzeichen etc. vollends auf.
Positiv an diesem Arbeitsbuch sind vor allem die nach jedem Kapitel zu findenden Zusammenfassungen sowie das Glossar am Ende, welches mit nur einer Seite allerdings etwas ausführlicher hätte ausfallen können (S. 98). Ferner regen die kapitelweise gebotenen Aufgaben zu einer umfassenden Reflexion an, zumal Bredel versucht, einen Spagat zwischen ihrer Theorie und traditionellen Normbeschreibungen (diachron und synchron), schreibdidaktischen Fragestellungen und reiner Graphematik zu schlagen. Musterlösungen lassen sich über http://www.germanistik.uni-mainz.de/linguistik/kegli/k11/loesungen.php [08. 07. 2011] herunterladen.
Kritisch ist allerdings der Umstand zu sehen, dass Bredel zwar eine Fülle an wichtigen Informationen aus der Lesepsychologie, der Textpragmatik, der Syntax, der Graphematik und sonstigen linguistischen Teildisziplinen innerhalb ihrer Theorie der Interpunktionszeichen vereint, dies jedoch auf hundert Seiten fast schon überladen wirkt. Hier käme es ggf. auf das Vorwissen der Studierenden an, um das Buch vollends als gelungene „didaktisierte“ Fassung ihrer Habilitationsschrift anzusehen. Aus diesem Grund ist es wohl eher für Studierende im Hauptstudium oder für Masterkandidaten geeignet.
Schließlich sind noch zwei grundsätzliche Kritikpunkte zu nennen: Bredel beschreibt sehr viel Theorie, jedoch ohne jede Art von Empirie. Ihre (nachvollziehbaren) Thesen zur Leseprozessverarbeitung sind empirisch nicht gesichert. Ferner möchte sich Bredel in ihrem Modell vollkommen von jeglicher Norm freisprechen. Praktisch ist dies unmöglich, denn wenn ein Leser ohne normative Kenntnis beispielsweise auf <,> oder auf <:> trifft, so müssten diese beiden Interpunktionszeichen für ihn funktional synonym sein. Ein rudimentäres funktionales Wissen über die Zeichen, welches basale (wenn nicht gar banale) Kenntnisse der Zeichen selbst enthält, muss somit dennoch vorhanden sein.
Rezensiert von Kevin Ch. Masalon