Über LINSE

Elisabeth Cölfen / Ulrich Schmitz

LINSE - Linguistik-Server Essen

Entstehung, Impressionen und Perspektiven

 

1.Die Anfänge

Unterrichten an der Massenuniversität: Bahnhofshalle statt Elfenbeinturm

LINSE (http://www.linse.uni-due.de) gibt es seit April 1995. Wir kamen neu an die Uni GH Essen und fanden 5000 Germanistik-Studenten vor. An der "Einführung in die Linguistik" für Erstsemester nahmen Hunderte von Studenten teil (wo anderswo 30 sitzen), auch in einem Hauptseminar können sich schon mal 150 oder 200 Teilnehmer drängeln. Die Räume sind regelmäßig so überfüllt, daß sinnvoller Unterricht (wie wir ihn uns vorstellen) nur schwer möglich ist. Auch für intensive Einzelbetreuung bleibt kaum Zeit, denn zur Sprechstundenzeit sieht es im Flur vor unseren Büros regelmäßig aus wie in einer Bahnhofshalle um die Mittagszeit.

So suchten wir nach einem Weg, die Studenten mit Zusatzinformationen zu versorgen und gleichzeitig einen "Ort" für Kontakte und Diskussionen zu schaffen. Und so entstand LINSE, unser digitalgewordener Linderungsversuch. Was "in real life" an der überfüllten Massenuniversität aus Geld-, Zeit- und Raummangel anscheinend nicht möglich war, sollte unser Webserver zumindest ansatzweise ermöglichen. "Virtuelle Universität" kann und soll die traditionelle Universität nicht ersetzen, aber stark bereichern.

Die ersten Schritte

Zunächst einmal mußten wir die äußeren Rahmenbedingungen für unser neues virtuelles Heim schaffen. Da fehlte es an Software zur Webseitengestaltung sowie Festplattenplatz für die ersten Webseiten. Anfangs stellte uns das Rechenzentrum der Uni Essen ein Verzeichnis zur Verfügung, in dem wir unsere Dateien ablegen konnten. Später dann fanden wir in der Hochschulverwaltung ein paar freundliche und kooperative Menschen sowie Mittel, Wege und Hintertüren, über die wir einen eigenen Server nebst professioneller Software bekommen konnten. Wo ein Mittel ist, ist auch ein Weg, und Wege gab's plötzlich ganz viele. Was wir da plötzlich alles machen konnten: Datenbanken, Diskussionsforen... aber dazu später.

Nachdem für die 'materiellen' Dinge nun gesorgt war, sahen wir uns das neue Medium 'Internet' erst einmal ganz vorsichtig an. 1995 war das Internet für uns ein wenig wie die neue Potenzpille 'Viagra', das Kinoepos 'Titanic' oder der deutsche Schlagerstar 'Guildo Horn' heute: Hoffnung, Gefahr, peinlich oder einfach nur verrückt? Es war klar, daß ein wirklich sinnvolles Internet-Angebot gut durchdacht sein muß. Wir wollten nicht einfach nur dem großen Hype folgen und 'online sein', sondern unsere Informationen mit Bedacht auswählen und übersichtlich darstellen. Und da man vom Anschauen allein nichts lernt, sind wir einfach ins kalte Wasser gesprungen und haben erste eigene Webseiten erstellt. Aber vorher mußte noch ein einprägsamer Name her: LINSE (Linguistik-Server Essen) klingt zwar gerade in Verbindung mit der Stadt 'Essen' ein wenig nach Gemüseküche, aber warum nicht? Schließlich ist unser Internet-Angebot mit den vielen unterschiedlichen Inhalten auch ein bißchen wie Eintopf (nur fad wird es hoffentlich nie).

Und was gab es nicht alles zu Lernen: Wie baut man eine Webseite sinnvoll auf? Wo sind Hyperlinks wirklich sinnvoll, wo stören oder verwirren sie nur? Wie lang dürfen Dokumente sein? Welche Größe darf eine Grafik haben, die schnell übertragen werden soll? Und wie schaffen wir es, daß sich die Benutzer immer gut in der LINSE zurechtfinden?

Mit ein paar Veranstaltungshinweisen und Publikationen wagten wir vorsichtige Schritte in die virtuelle Welt. Die ersten Reaktionen kamen schnell und spornten an. Unsere Babyschuhe wuchsen zu Sieben-Meilen-Stiefeln, und LINSE wurde in kürzester Zeit zum prall gefüllten und international anerkannten Informationsangebot für professionelle Sprachwissenschaftler, Linguistik-Studenten sowie Lehrer und Schüler. LINSE kommt aus der germanistischen Linguistik; deshalb sind die meisten Beiträge in deutscher Sprache verfaßt. Inhaltlich steht sie aber sämtlichen Themen im weiten Umkreis einer interdisziplinär verstandenen Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik offen, wobei verschiedene Schwerpunkte von Neuen Medien über lokale Spezialitäten bis zu geisteswissenschaftlich orientierter Allgemeinbildung reichen.

Unsere 'Lehr- und Wanderjahre' sind noch lange nicht zu Ende; auch (oder gerade) heute lesen wir Artikel über Interface- und Webseitengestaltung, schauen in fremde Kochtöpfe und überlegen immer, wie wir unser Angebot noch verbessern können. Die vielen einzelnen Schritte, Lehrgelder und Seiteneffekte zu dokumentieren wäre belanglos.

Zur kurzen Geschichte gehört, daß junge Studenten ihre Arbeiten erstmals zur (sogar weltweit) öffentlichen Diskussion stellen konnten und sich mächtig dafür ins Zeug legten, sie dann auch entsprechend gut zu machen. Es gehört dazu, daß die Internet-Weltausstellung 1996 sie als eines von nur drei deutschen Projekten im Bereich "Bildung und Erziehung" in ihre Pavillons aufnahm. Sicher auch, daß ihre Link-Sammlung im Herbst 1996 die zweitvollständigste (nach Rochester) in der Linguistik-Welt war. Ob das heute noch stimmt, ist fraglich; aber in Abständen tragen wir immer nach, bauen um und holen auf. Scheinbar nebenbei fiel 1997 auch noch ein Buch ab ("Linguistik im Internet. Das Buch zum Netz - mit CD-ROM", ein Reiseführer durch die virtuelle Linguistik, Westdeutscher Verlag). LINSE wurde kürzlich in einem gedruckten Internet-Wegweiser für Deutschland als eine der wichtigsten deutschen Internet-Adressen aufgenommen und waren auf Messen, Ausstellungen, Tagungen und Symposien vertreten.

Monat für Monat fieberten wir den Einschaltquoten entgegen: schon wieder 20, 30 mehr? Und so ging das denn weiter, andere schrieben und arbeiteten mit, Leser-mails kamen, erste Beschwerden (immer ein gutes Zeichen: man wird ernst genommen).

Allein in den letzten 12 Monaten seiner Existenz hat LINSE, der Linguistik-Server Essen, gut 1,4 Gigabyte an Daten transportiert. Lokale, regionale und internationale Kontakte sind geknüpft worden. Studenten haben eine Menge gelernt über Linguistik, Redaktion, Computer, Projektarbeit. Erstaunlich wenig ist schief gegangen (gemessen an unseren Möglichkeiten und Erwartungen eigentlich kaum etwas), vieles glücklich gelaufen.

Aber wo steht LINSE heute, was bietet sie an?

2.Das Angebot: Potpourri

LINSE kommt aus der germanistischen Linguistik; deshalb sind die meisten Beiträge in deutscher Sprache verfaßt. Inhaltlich steht sie aber sämtlichen Themen im weiten Umkreis einer interdisziplinär verstandenen Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik offen, wobei verschiedene Schwerpunkte von Neuen Medien über lokale Spezialitäten bis zu geisteswissenschaftlich orientierter Allgemeinbildung reichen. LINSE wendet sich an jede(n), die oder der sich für sprach- und medienbezogene Fragen interessiert, aber auch an drei besondere Zielgruppen, nämlich (1) professionelle Sprachwissenschaftler, (2) Linguistik-Studenten und (3) Lehrer und Schüler. Dabei erfüllt sie mehrere verschiedene Aufgaben. (1) Sie bietet völligen Anfängern (insbesondere aus dem Hochschulbereich) einen ersten Einstieg letzten Endes in das gesamte Internet. (2) LINSE publiziert Aufsätze, kleine Schriften, Lernsoftware sowie Rezensionen von Büchern, CDs und Software. (3) Sie liefert Informationen, Bibliographien und Arbeitsmaterial für Forschung und Lehre. (4) Sie dient dem schnellen und direkten Austausch unter Wissenschaftlern und Studenten. (5) Sie ist ein Arbeitsmittel im Studium.

Natürlich liefert LINSE ausführliche Informationen über Mitarbeiter, Lehrveranstaltungen und Aktivitäten am Ort. Der weitaus größte Teil des Materials aber kann von überregionalem und teilweise internationalem Interesse sein. Das komplette Angebot wird einheitlich moderiert und gründlich redigiert. Wir legen Wert auf Qualität und Reichtum der Informationen, Ausnutzung der medienspezifischen Möglichkeiten, ästhetisches Design und hohe Nutzerfreundlichkeit. Klicken wir uns durch!

Publikationen

Hier gibt es Original-Veröffentlichungen aus der Essener Linguistik, darunter z.B. Aufsätze über Besonderheiten der Sprache im Internet und World Wide Web, über die Sprache von Fernsehnachrichten, über intellektualistischen Sprachstil und über "Eloquent silence".

Rezensionen

 Unter "Rezensionen" werden Bücher, Software und CDs besprochen. Unter den Büchern finden sich beispielsweise Volmerts "Grundkurs Sprachwissenschaft" (mehrfach und kontrovers), Peyer/Portmanns "Norm, Moral und Didaktik - Die Linguistik und ihre Schmuddelkinder", Hirschs "Übersetzung und Dekonstruktion", Uskes "Fest der Faulenzer", Perrin/Jörgs "Netzwerkbuch Computer", Kaisers "Literarische Spaziergänge im Internet", Donnellys "In Your Face. The Best of Interactive Interface Design" (mit screenshots), verschiedene Bücher zu den Themen Internet und CompuServe und nicht zuletzt die neue Brockhaus-Enzyklopädie in 24 Bänden. Außerdem stellen Erstsemester eine ganze Reihe auch älterer linguistische Fachbücher vor. An CDs werden ausführlich besprochen beispielsweise Art Spiegelmanns "Maus", das "Oxford English Dictionary", Ingolf Frankes "Sprachlabor" und der "Sprachkurs Englisch EuroPlus+ Flying Colours". Weitere Besprechungen (stets mit screenshots) widmen sich Lern- und Edutainment-Software für Kinder ("Burg Drachenstein", "Alfons Lernsoftware Deutsch", "Ollis Welt", "Das Geheimnis der Arche Noah" und "Zuppel und Guppi"). Außerdem wird der Hexaglot "Sprachen-Computer EuroTranslator" getestet.

Literatur

Unter diesem Punkt versammeln sich (teils kommentierte) Bibliographien. Dazu zählt eine Seite, auf die an vielen anderen Orten im WWW verwiesen wird: "LZL - Literatur zur Linguistik" ist ein kommentierter und mit Leseweg-Vorschlag versehener Kanon ausgewählter Fachliteratur für Linguistik-Studenten, der als Ganzes einen vorzüglichen Einblick in die gesamte Sprachwissenschaft und angrenzende Gebiete geben sollte. Außerdem gibt es Literaturlisten zu Internet und CompuServe sowie zu Computer Mediated Communication und eine recherchierbare Datenbank mit Büchern und Aufsätzen zum Thema Hypertext.

ESEL

ESEL (Essener Studienenzyklopädie Linguistik) stellt Lehrmaterial und sorgfältig ausgewählte Seminar- und Examensarbeiten zur Verfügung. Dazu gehören eine Grafik zum Tempusgebrauch im Deutschen, Studienarbeiten und Aufsätze zur Entwicklung des Tempussystems vom Alt- zum Mittelhochdeutschen, zu Aspekten und Aktionsarten (besonders in slawischen Sprachen), zur Zeitbewußtseinsentwicklung bei Piaget, zur Medienkritik bei Platon und heute, zu Roland Barthes, zur e-mail- und Netzkommunikation, zum Schreibenlernen in der Grundschule (Freinet, Vereinfachte Ausgangsschrift, Computer) und andere mehr. Weiterhin gibt es hier die oben schon erwähnte wachsende Sammlung von Kurzrezensionen linguistischer Fachbücher, die Student(inn)en in ihrem ersten Semester verfaßt haben.

PROJEKTE

Unter "Projekte" werden besondere Essener Aktivitäten dokumentiert, so etwa längerfristige Seminarprojekte und Lernsoftware-Entwicklung.

Kuntermund & Löwenmaul

 fabriziert multimediale interaktive Lernsoftware für Sprache und Linguistik. Ein ausführlicher "Prospekt", der mit 64 Seiten auch gedruckt vorliegt, informiert über theoretische Hintergründe, didaktisches Konzept und konkrete Pläne. Außerdem gibt es Kostproben aus der laufenden Arbeit, derzeit ein Lernpäckchen zu Bühler und Saussure. Wegen der großen Informationsmenge muß man hier mit längeren Ladezeiten rechnen. Ein Link verweist zur teilweise notwendigen Abspielsoftware. In Zukunft möchten wir einige kleinere Lernpäckchen auch direkt zum Downlowad zur Verfügung stellen. So kann man sich ohne jede Zusatzsoftware alles in Ruhe zu Hause ansehen.

Tagungen

Es werden solche "Tagungen" dokumentiert, die das LINSE-Team oder einzelne Mitarbeiter mit organisieren. Dazu zählen etwa das Symposion Deutschdidaktik und das internationale LAUD-Symposion 1998 "Humboldt and Whorf revisited: Universal and Culture-Specific Conceptualizations in Grammar and Lexis".

Reportagen

berichten von besonderen Veranstaltungen im Umkreis des LINSE-Teams.

OBST

OBST steht für "Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie". Sämtliche bisher erschienenen Hefte und Beihefte (also seit 1976) sind mit Titelbild, Inhaltsverzeichnis und ggf. Editorial dokumentiert. Der gesamte Bestand kann in einer Datenbank recherchiert werden. Die Reihe oder einzelne Bände können auch direkt bestellt werden.

Sprache und Datenverarbeitung

ist in ähnlicher Weise vollständig (also seit 1977) und mit recherchierbarer Datenbank dokumentiert.

Diskussion

Hier sind bisher drei öffentliche Diskussionsforen eingerichtet, und zwar zur Linguistik allgemein, zum Thema "Schule und Computer" und zu neuen Medien. Hier kann jeder Fragen stellen, Thesen vertreten, Probleme wälzen und wird von irgendwoher auf der Welt Antworten bekommen.

Schule und Computer

ist eine eigene Abteilung für Lehrer, Lehramtsstudenten und Schüler, in der sämtliche Fragen rund um den Einsatz von Internet und Computern in der Schule behandelt werden, und zwar sowohl allgemein als auch mit einem fachdidaktischen Schwerpunkt auf dem Deutschunterricht. Sorgfältig ausgewählte und kommentierte Links führen auf wichtige Angebote auf anderen Servern; es gibt eigene Beiträge (z.B. einen Aufsatz über Computer im Schreibunterricht der Grundschule) und ein öffentliches Diskussionsforum.

Links

steckt eine der weltweit umfangreichsten Sammlungen linguistisch relevanter Adressen im WWW. Die Adressen sind in Rubriken sortiert und mit Stichworten kurz kommentiert. Die Liste wird ständig erweitert und aktualisiert und schreibt somit die (allerdings sehr viel ausführlicheren) Angaben in der Monographie "Linguistik im Internet" fort.

Suchen im WWW

führt zu einer bequemen Sammlung von Suchmaschinen, die das gesamte World Wide Web erschließen.

Rätsel

 verbirgt sich eine alle paar Monate wechselnde Preisfrage mit Gewinnchancen; im Herbst 1997 beispielsweise ist es ein semiotisches Kreuzworträtsel zu Ecos "Der Name der Rose".

Neu

 zeigt dem regelmäßigen Nutzer der LINSE (von denen es eine ganze Reihe gibt), welche Beiträge in letzter Zeit neu aufgenommen wurden, damit sie oder er sich überflüssige Klickzeit spart.

"linse-list"

Wir haben eine eigene Mailingliste zur Diskussion über Linguistik, an der Sie sich sofort beteiligen können. Schreiben Sie dazu eine e-mail an

linse-list-Request@uni-essen.de (Subject bleibt frei) mit dem Text subscribe.

Oder Sie schreiben an majordomo@uni-essen.de mit dem Text subscribe linse-list.

3.Die Ordnung: bunter Eintopf statt Erbsenzählerei

MILESS: Multimedialer Lehr- und Lernserver Essen

An der Universität GH Essen gibt es seit einigen Monaten MILESS (http://www.miless.uni-essen.de) - ein Projekt unter der Leitung der Universitätsbibliothek und des Hochschulrechenzentrums sowie in Zusammenarbeit mit der Mehrzahl der Fachbereiche und dem Medienzentrum. Durch MILESS soll das schon in den Fachbereichen vorhandene digitale Lehrmaterial (Skripte, Arbeiten, Aufsätze etc.) zentral sammeln, mit Unterstützung der Bibliothek fachgerecht bibliographieren und unter einer gemeinsamen Suchmaske fachbereichsübergreifend recherchierbar machen. Dies alles geschieht mit Hilfe des Softwarepaketes 'Digital Library' von IBM. Ein positiver Nebeneffekt des Projektes könnte die Förderung interdisziplinären Arbeitens sein, denn vielleicht wird MILESS nicht nur zur Recherche innerhalb des eigenen Studienfaches genutzt, sondern ein Student gibt sein Suchwort auch einmal in die fächerübergreifende Suchmaske ein und wagt vorsichtig den Blick über den Tellerrand?

LINSE in MILESS

MILESS schien zunächst so gar nicht zu uns und unserer Arbeitsweise zu passen, denn ein Projekt dieser Art kann nicht existieren ohne Normen  und strenge Organisation. Aber wir sahen auch die Potentiale einer solchen Einrichtung für unsere LINSE-Besucher und haben uns schließlich über das Angebot gefreut, auch ein Teil von MILESS zu werden. Schließlich braucht jeder Internet-Benutzer angeblich durchschnittlich acht Klicks, um das von ihm gewünschte Dokument zu finden. Außerdem wird besonders von Akademikern oft angeführt, daß Dokumente im Internet nicht zitierfähig seien, weil sich die Internet-Adressen ständig ändern. Es kann doch eigentlich nicht falsch sein, das altbewährte Konzept 'Bibliothek' auch zur Verwaltung digitaler Dokumente zu nutzen und so auch akademischen Anforderungen an Neue Medien zu genügen?

Schön und gut, aber wie sollten wir unsere Ò zwar bunt und kreativ, aber auch in Ansätzen anarchisch organisierte Ò LINSE dazu bringen, sich in eine strenge Ordnung von Verzeichnissen, Beschreibungen, Normen und Hierarchien einzufügen? In LINSE gibt es hohe Motivation, klare Qualitätsstandards, eine strikte Redaktion und eine ästhetische Linie, aber keine systematische Planung. Viel Bewegung und wenig System. Die LINSE ist, wie das ganze Internet, ein Rhizom und kein Fertighaus. Ein Projekt und kein Ergebnis; ein Weg, aber kein Ziel. Und ja, sie hat mit der Zeit eine Art Eigendynamik entwickelt, die wir nur schwer beschreiben können. Wir hatten sie gefüttert, gepflegt und motiviert, aber auch alleine spielen lassen. Es war, als würde man ein Kind nach 10 Jahren Waldorfschule zwingen, eine Ausbildung zum Bankkaufmann zu machen.

Unser größtes MILESS-Problem war die fachsystematische Zuordnung unserer LINSE-Dokumente. Und Ò bitte nicht lachen Ò LINSE hat sich tatsächlich 'gewehrt', auseinandergepflückt und katalogisiert zu werden. Wir nahmen uns ein Herz, ein Skalpell und die Regensburger Klassifikation zur Germanistik und wollten unserer LINSE an die Substanz. Ganze Nächte haben wir gekämpft, doch ohne jeden Erfolg. Ein Dokument konnten wir gar nicht zuordnen, ein anderes paßte direkt in drei Kategorien, und wieder andere hatten in der Germanistik/Linguistik überhaupt nichts verloren.

Und die Lösung? So anarchisch wie LINSE und trotzdem akzeptabel. Nach mehreren Nächten Intensivstation verpaßten wir unseren Dokumenten kurzerhand ein eigenes Patientenblatt. Wir fanden tatsächlich 20 Oberbegriffe, unter die wir unser aktuelles LINSE-Angebot einordnen können. Unsere eigene Klassifikation entspricht keinerlei Standards, ist vollkommen induktiv und ansatzweise interdisziplinär (z.B. Neue Medien, Allgemeinbildung, Internet, Text und Bild, Sprachwissenschaft allgemein, Textlinguistik etc. ppp). Die verantwortlichen MitarbeiterInnen in der Bibliothek erlitten einen mittelschweren Nervenzusammenbruch, konnten unsere Argumente aber schließlich doch nachvollziehen und akzeptieren.

Unser Angebot in MILESS soll LINSE nicht ersetzen oder abbilden. Wir möchten vielmehr, daß Dokumente wie Veröffentlichungen, Seminararbeiten, Rezensionen etc. professionell recherchiert werden können. Die Benutzer haben die Wahl, ob sie innerhalb verschiedener Klassen von Dokumententypen (Seminararbeit, Veranstaltungshinweis, Rezension, Aufsatz etc.), innerhalb unserer o.e. Klassifikation oder gar innerhalb des gesamten LINSE-Angebotes suchen möchten.

LINSE-Besucher haben also in Zukunft drei Möglichkeiten:

1) Sie können in LINSE herumstöbern und sich auf eine kreative und lustvolle Exploration in unserem mehr oder weniger wild wuchernden Rhizom einlassen, das wir jederzeit beliebig verändern und gestalten können.

2) Sie können LINSE in MILESS besuchen und die professionellen Recherchemöglichkeiten der LINSE-MILESS-Datenbank nutzen.

3) Sie wählen beide Angebote und entdecken dabei interessante Dinge, treten mit anderen Besuchern in Kontakt und finden in jedem Fall das, wonach sie suchen.

Wir sind davon überzeugt, daß LINSE von der Koexistenz der beiden grundverschiedenen Ansätze profitieren wird.

4.Die Zukunft: LINSE 2000

Zeitweise wuchs uns die Sache über den Kopf, dann wuchsen wir wieder nach, gerüchteweise erfuhren wir, daß man uns draußen in der Welt für ein Riesen-Team mit einer Anzahl Vollzeitstellen hielt, und so was spornt natürlich an. Kritische Stimmen gehen ein. Was davon muß man ernst nehmen, was ist unbegründet? Wo müssen wir besser werden? Wie gehen wir mit den Grenzen unserer Arbeitszeit um? (Eigentlich haben wir ja doch ganz andere Aufgaben.) Unsere eher wilde Arbeitsweise (bürokratiefreie Zone in einem überorganisierten Apparat) widerspricht allen modernen Lehren von Management und Kommunikation. Und es klappt.

Was wird in nächster Zeit hinzukommen? Weitere Aufsätze, Seminararbeiten und Rezensionen, zusätzliche Links, ein Wittgenstein-Projekt, neue Lernsoftware, die Homepage von LAUD (eine preprint-Gesellschaft für linguistische Texte), eine neue Navigationsmöglichkeit und sicherlich die eine oder andere Überraschung, von der wir auch noch nichts wissen. Vielleicht ja sogar ein virtuelles Linguistik-Museum, wer weiß?

 

Nachtrag 2007

 

Linse 2.0 – The Next Generation

Nachdem die LINSE seit gut 10 Jahren im Netz ist, immer wieder an- und umgebaut wurde und etliche Millionen Besucher unser Angebot genutzt haben, wurde es 2007 Zeit für eine grundlegende und umfassende Renovierung.

Ein neues Layout, eine klare Strukturierung und Themendarstellung sowie die verbesserte Präsentation der verschiedenen Inhalte sollen die Arbeit mit und an der LINSE noch attraktiver machen. Unter dem Dach der LINSE finden Sie
•    Arbeitsmaterialien für Studium, Lehre und Forschung
•    Kooperierende Institutionen (Zeitschriften, Redaktionen, Arbeitsgruppen)
•    mit den LINSE-Links die umfassendste Sammlung von kommentierten Links zu Sprache und Linguistik
•    Portale zu E-Learning-Angeboten für die Linguistik
•    Tagungsankündigungen und aktuelle Fachinformationen

Über die Erneuerung hinaus möchten wir mittelfristig die Voraussetzungen für eine erweiterte Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen schaffen. Außerdem möchten wir in einem stärkeren Maße Audiomaterialien (z. B. Podcast, Interviews) anbieten.

Wie in den ersten Tagen der LINSE gilt auch heute: LINSE ist work in progress und lebt vom Engagement der Redaktionsmitglieder und der zahlreichen Kolleginnen und Kollegen, die uns mit immer neuen Materialien versorgen - vor dem Hintergrund ständig knapper werdender materieller und personeller Ressourcen ist dies für alle Beteiligten eine besonders große Herausforderung.

In Zeiten der Eventkultur, Reformen und Reförmchen ist es umso wichtiger, Bewährtes zu verstetigen und zu verbessern, statt immer wieder die Fassaden potemkinscher Dörfer in neuen Farben erstrahlen zu lassen. Und weil man selbst nicht alles am Besten kann, haben wir bei der Neugestaltung auf professionelle Hilfe gesetzt: An dieser Stelle danken wir den Schülerinnen und Schülern der Gestaltungstechnik des Berufskollegs Platz der Republik für Technik und Medien in Mönchengladbach für deren beeindruckende und unkomplizierte Unterstützung des LINSE-Relaunchs. Besonderer Dank gilt dabei auch den engagierten Klassenlehrern.  

Weiterhin viel Vergnügen auf unserer Homepage wünscht
die LINSE-Redaktion