Protest - Parteienschelte - Politikverdrossenheit: Politikkritik in der Demokratie

Bericht zur Arbeitstagung der AG-Sprache in der Politik mit dem Titel „Protest – Parteienschelte – Politikverdrossenheit: Politikkritik in der Demokratie“ vom 7. Mai – 9. Mai 2015 in Trier

Die folgenden Texte wurde verfasst von Germanistik-Studierenden der Universität Duisburg-Essen, die im Rahmen des Seminars "Reflexion über Sprache in der Politik" (Dozenten: Dr. Steffen Pappert, Dr. Patrick Voßkamp) an der Tagung in Trier teilnahmen (Link zur Tagungshompepage).

 

„Ich wünsche mir, die Bundesregierung hätte die Moral einer Telefonzelle. In der zahlt man nämlich zuerst und wählt dann. Bei der Bundesregierung muß man immer zuerst wählen und dann zahlen.“ (Oskar Lafontaine)  

Politikverdrossenheit ist auf diversen gesellschaftlichen Ebenen zu finden, sowohl im öffentlichen als auch im privaten Diskurs. Wo lässt sich Politikkritik im privaten Raum verorten? Am Stammtisch. Doch wie lässt sich das gängige Bild von diesem Phänomen wissenschaftlich charakterisieren? „Der Stammtisch ist offensichtlich ein bestimmter Kommunikations-modus oder es ist ein bestimmter Ausschnitt aus dem Diskurs von Realisationsbereichen“, so beginnt Kersten Sven Roth seinen Vortrag „Stammtisch 2.0“? – Politiker-Kritik als interaktionale Ressource auf der Mesoebene des Diskurses

Er unterscheidet zwischen einem Stammtisch 1.0 und dem Stammtisch 2.0. Dabei ist Ersterer als analog und Letzterer als digital aufzufassen. Versucht man Stammtisch 1.0 zu definieren, stößt man schnell an methodische Grenzen. Alltagssprachlich meinen wir den Begriff zu kennen. Doch aufgrund methodischer Probleme und fehlender empirischer Daten zu interpersonalen Interaktionen am Stammtisch, ist es schwierig, den Kommunikationstyp zu charakterisieren. Dennoch kann man festhalten, dass der Stammtisch 1.0 ein Kommunikationsmodus des offenen Sprechens unter „potentiell Gleichgesinnten“ darstellt. Somit werden auch Themen am Stammtisch angesprochen, die in der Öffentlichkeit mit einem Tabu belegt sind. In diesem Zusammenhang führt Roth das Beispiel von Avi Primor an, dem ehemaligen israelischen Botschafter, der sagt, dass bei Israelkritik am Stammtisch tabuisierte Standpunkte diskutiert würden, die in der Öffentlichkeit nicht wahrzunehmen sind. Somit ist der Stammtisch 1.0 ein Raum in dem offenes Sprechen und nahezu alle Themen erlaubt sind.

Demgegenüber stellt Roth den digitialen Stammtisch 2.0, der im Internet in Foren, Blogs und in Kommentarfunktionen Gestalt annimmt. In seinem Vortrag stehen themenspezifische Stammtischparolen in Webforen im Mittelpunkt. Der Schwerpunkt wird insbesondere auf Kommentare aus dem Sektor Politikerkritik gelegt. Es geht an dieser Stelle um die semantische Figur des Politikers als Typus und nicht als Individuum. So interessiert die Person Joachim Gauck nicht als ostdeutscher Pastor, sondern allgemein in seiner Funktion als deutscher Bundespräsident. 

In diesem Zusammenhang entwirft Roth eine Typologie von Politiker mit den Kategorien, wie Eitelkeit, Faulheit und Eigennutz, Unehrlichkeit und Unfähigkeit. Die Figur des Bürgermeisters von Neustadt aus den Hörspielreihen von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg gilt beispielsweise als Stereotype. Roth hebt hervor, dass der Stammtisch 2.0 nur eine Metapher der Diskurssemantik sei, in die man hineinsozialisiert wird. Als veranschaulichendes Beispiel führt er das Lied Was kann schöner sein auf Erden, als Politiker zu werden von Reinhard Mey an, in welchem die zuvor angeführten Kategorien diskursanalytisch dargestellt werden. 

Um eine solche Analyse durchzuführen, muss die Plattform des Webforums in einem pragmatisch-interaktionellen Bezug definiert werden. Dabei lassen sich drei Ebenen differenzieren: Interaktivität, Trialogizität und Verantwortlichkeit. Damit unterscheiden sie sich von massenmedialen Formaten und Face-to-Face-Kommunikationen, wie wir sie beim Stammtisch 1.0 vorfinden. 

Vor diesem Hintergrund wird nun über eine Sektorenanalyse, Handlungsanalyse und Formatanalyse das Gästebuch der Fernsehsendung Hart aber Fair vom 3. November 2014 mit dem Thema „Vereint aber fremd“ untersucht. 

Obwohl Politikerkritik in der Sendung nicht explizit thematisiert wird, zeigt Roths Sektorenanalyse, dass 44 von 675 Posts Bezug auf diesen Sektor nehmen. Auch wenn dies weniger als 7 Prozent der gesamten Posts ausmacht, ist der Sektor trotzdem auffällig, weil er früh im Thread erscheint. Außerdem bleibt die Komplexität des Sektors konstant; die Kritik wird isoliert und mit absoluter Akzeptanz, unmittelbar und widerspruchslos ohne Hedging, eingeführt. Hieraus können Indizien für eine Latenz abgeleitet werden: Die oben angeführten Kategorien (Eitelkeit, Faulheit und Eigennutz, Unehrlichkeit und Unfähigkeit) sind in unterschiedlicher Ausprägung in der Stichprobe feststellbar. Roth kommt zu der Synthese, dass „Politiker die Gegner der Bürger sind“. Die Formatierung des semantischen Konzepts äußert sich in Form von Synonymien („Obere, Regierende, Politbonzen, Politschwätzer“), Meronymien („die Politik kümmert sich nur um xy“), Antonymien („Bürger“, „Deutsche“, „Normalo“), Attribuierungen („unsere“, „sogenannte“) und Kohyponymien („Journalie“, „Banken“). In der Handlungsanalyse werden darüber hinaus zwei Funktionen herausgearbeitet: eine allgemeine Funktion des Politikers als Experte und eine Spezifische als Schlichter.

Roth arbeitet in seinem Vortrag heraus, dass eben der Slogan der Sendung Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft so nicht stimme, da Politik ein Teil der Wirklichkeit ist. 

In der Diskussion im Anschluss wurde angemerkt, dass die Bezeichnung Stammtisch 2.0 zu wertend sei, da man nicht alle Forenbeiträge unter Stammtischparolen fassen könnte. Weiter wird der massenmediale Charakter eines Webforums diskutiert: In diesem Zusammenhang wurde die Frage aufgeworfen, ob Webforen Massenmedien seien, oder vielmehr einen Zwischencharakter besäßen.

Abschließend bleibt jedoch festzuhalten, dass Roth es in seinem Beitrag schafft, plausibel eine Brücke von der analogen zur digitalen Diskussionskultur zu schlagen.

Christina Dahms, Sarah Gharib, Jens Krohn 

 

Carolin Waegner, M.A. (Leipzig): Forderungen nach Partizipation – Die Proteste gegen „Stuttgart 21“

Mit einigen linguistischen Aspekten der Proteste gegen „Stuttgart 21“ beschäftigt sich Carolin Waegner von der Universität Leipzig. Im Zuge der Demonstrationen besonders aufgefallen waren ihr die durch protestierende Bürgerinnen und Bürger am Stuttgarter Bauzaun angebrachten Transparente, was sie zu der für ihren Vortrag zentralen Forschungsfrage führte, wodurch sich die Sprachverwendung auf diesen qualitativ auszeichnet. Dieser Frage stellt sie sich vor allem im Rahmen ihrer laufenden Promotion, sodass sie in Trier erste Erkenntnisse berichten konnte.

Einleitend umreißt sie als einige in dem Konflikt besonders strittige Punkt die Forderung nach mehr Partizipations-möglichkeiten sowie nach mehr Transparenz. Anschließend nimmt Waegner eine kategoriale Unterscheidung der verschiedenen von ihr untersuchten Transparente vor, welche in der Folge leitend für ihren Vortrag sind. Hierbei unterscheidet sie thematisch zwischen den folgenden vier Kategorien: Demokratie (Partizipation), Politiker, Gewalt und Friedliche Revolution („Wir sind das Volk“). Bei dieser Unterscheidung scheint es sich in erster Linie um eine grobe Gruppierung, welche sich induktiv aus ihrer Beschäftigung mit den Transparenten ergeben hatte, zu handeln. Anhand von exemplarisch eingesetzten Plakaten illustriert sie daraufhin ihre Kategorien. 

Der Kategorie Demokratie hat sie etwa ein Transparent zugeordnet, das folgenden Schriftzug trägt: „Wie lange noch dauert eigentlich die Trotzphase dieser bürgerverdrossenen Politiker?“. In ihrer Analyse stellt sie den auffälligen Vergleich zwischen der Trotzphase bei Kindern mit dem Verhalten von Politikern besonders heraus. Die angebliche Politikverdrossen-heit der Menschen, sich mit der Politik auseinanderzusetzen, würde dabei verneint. 

Ein prägnantes Beispiel zur Kategorie Friedliche Revolution wählt Waegner mit einem künstlerisch veränderten Bild aus der Zeit der französischen Revolution. Hierbei handelt es sich um das bekannte Gemälde mit dem Titel „Die Freiheit führt das Volk“ von Delacroix (1830). Waegners Analyse folgend wird durch die Wahl des Bildes und die Verwendung im Kontext der Proteste dabei nicht nur auf die französische Revolution rekurriert, sondern auch das Vorhandensein monarchischer Strukturen in der heutigen Politik unterstellt. Auf dem Transparent wurde das Bild dabei verfremdet, indem es um den Schriftzug „Wir sind das Volk. Stoppt S21!“ ergänzt wurde. Besonders auffällig scheint Waegner in diesem Zusammenhang der Bezug zur friedlichen Revolution durch den ersten Satz des Slogans. Zusätzlich wurde auf dem Transparent das Bild eines Baumes eingesetzt, womit vermutlich auf einen in der Kontroverse um Stuttgart 21 besonders strittigen Punkt angespielt werden solle. 

Deutliche Reminiszenzen an Klassiker aus der Filmgeschichte macht Waegner bei ihren Beispielen zu den Kategorien Politiker und Gewalt aus. Dabei ist bemerkenswert, dass der Vergleich mit Filmfiguren auf Transparenten laut Waegner eine besonders hohe Frequenz aufweist.  

Stellvertretend für die Kategorie Politiker untersucht sie etwa das Porträt von „Der Pate“, auf welchem Marlon Brando mit Marionettenfäden in der Hand zu sehen ist. Das von ihr untersuchte Transparent zeigt jedoch nicht Marlon Brando, sondern vielmehr Rüdiger Grube, dessen Gesicht in das Bild hineinretuschiert wurde. Über die Marionettenfäden übernimmt er auf dem Plakat die Lenkung von Politikern. Der Bahnchef wird hier also als Mafiaboss dargestellt, der durch Macht und das Austauschen von Gefälligkeiten herrscht. Wirtschaftliche Gründe scheinen für politische Entscheidungen in diesem Zusammenhang wichtiger als die Einstellung der Bevölkerung, so Waegner.

Gleich zwei Beispiele mit Bezügen zu Filmen zeigt Waegner stellvertretend für die Kategorie Gewalt: Erstens zeigt sie ein Transparent, welches ein Bild von John Rambo mit dem Zitat „Ich bin zum Dialog bereit“ des ehemaligen Ministerpräsidenten Mappus verbindet. Die auf der Hand liegende Unterstellung ist hier die Gleichsetzung des Verhaltens von Mappus und Rambo, was sicherlich auch im Kontext der in Stuttgart 21 von den Protestierenden erlebten Polizeigewalt zu sehen ist. Eine weitere Deutungsmöglichkeit macht Waegner in der dargestellten Unehrlichkeit von Mappus aus. 

Das zweite in dieser Kategorie gezeigte Transparent stellt ein Bild von Darth Vader dar, welches mit dem Schriftzug „Stuttgart 21. Mit aller Gewalt???“ verbunden wurde. Waegner stellt hier vor allem die Forderung nach der Einstellung von Gewalt durch die rhetorische Frage bei ihrer Analyse heraus. Mappus werde dabei der „dunklen Seite“ zugeordnet, welche auch demokratischen Werten entgegensteht. Die negative Konnotation des Stigmaworts „Gewalt“ solle bei diesem Plakat auf die Politik übertragen werden.

Allgemein stellt Waegner mit Blick auf die beiden Transparente zu Gewalt fest, dass die Vergleiche mit den Filmfiguren bei den Transparenten nicht auf die tatsächliche Rolle und Charakter der Filme eingehen, sondern vielmehr als Bildmetapher dienen. 

Generell lässt sich als Fazit des Vortrags festhalten, dass den Politikern in den Transparenten zu Stuttgart 21 häufig undemokratisches Agieren attestiert wird, etwa in diktatorischer oder auch monarchischer Art und Weise. Die (vermeintliche) Auffassung der Politik hinsichtlich der Partizipation von Bürgerinnen und Bürgern wird dargestellt, die Gewaltbereitschaft der Polizei kritisiert. Besonders auffällig sind auch die häufigen Vergleiche mit Filmfiguren, welche als Metaphern fungieren. Diese Erkenntnis könnte Anknüpfungspunkte für weitere Untersuchungen bieten.

Eine interessante Frage, welche in der sich an den Vortrag anschließenden Diskussion aufkommt, besteht darin, ob eigentlich eine Rekonstruktion möglich ist, welche Personen die jeweiligen Transparente bei den Demonstrationen getragen haben, zumal so eine detaillierte Untersuchung möglich wäre. Meist ist dies jedoch nicht möglich.

Ulrich Jacob und Julian Schulte

 

Prof. Dr. Melani Schröter (reading, GB): Was gesagt werden soll und wie (nicht). Metakommunikative Politikkritik im britischen Wahlkampf 2015

Eine detaillierte Untersuchung des medialen Diskurses im britischen Wahlkampf 2015 leistet Prof. Dr. Melani Schröter aus Reading (Großbritannien) in ihrem Vortrag. Ihr leitender Forschungsansatz beruht dabei auf der Untersuchung des Wahlkampfs unter der Perspektive einer Mediatisierung und Metaisierung. Unter dem Begriff Mediatisierung versteht sie eine zunehmende Interdependenz von Politik und Medien, sowie eine Metakommunikation über politische Kommunikation in den Medien. Also eine Kommunikation über den Sprachgebrauch in der Berichterstattung in Politik bzw. der politischen Sphäre. Der Begriff der Metaisierung beschreibt nun laut Schröter einen Prozess der Verdrängung des WAS, also des Inhalts, durch das WIE, also die Art der Vermittlung, welche Inszeniertheit und Imagearbeit der Beteiligten explizit einschließt und das WOZU, also etwa Planung und Strategie. Mit Blick auf diesen Prozess bemerkt Schröter auch die Möglichkeit einer Selbstreferentialität der Medien, sodass medial inszenierte Kommunikationsereignisse zu tatsächlichen politischen Ereignissen werden können. 

In ihrer Untersuchung fokussiert sich Schröter vor allem auf die Medienberichterstattung über die Fernsehdebatten im Wahlkampf. Methodisch durchsuchte sie hierzu im Vorfeld des Vortrages mithilfe der Stichwörter „Cameron AND Milibrand AND TV AND debate“ die einschlägige Datenbank LexisNexis, welche Artikel der vier größten Tageszeitungen Großbritanniens beinhaltet. So stieß sie auf ca. 160 für ihre Diskursanalyse relevante Artikel, welche in der Folge den Korpus ihrer Untersuchung bildeten. 

Bei der Analyse der Artikel stösst sie sowohl auf Hinweise bezüglich der Imagearbeit der Beteiligten Politiker („To burnish the Tory brand […] must persuade the voters that […]),  als auch auf zahlreiche Hinweise hinsichtlich der Inszeniertheit, welche in Form von Inszenierungsmetaphorik vorliegen (show, performance, last night's drama, this was not in the script, …). Ein weiterer Fokus der Berichterstattung liegt auf der Untersuchung der Strategien der Beteiligten Politiker („Some of this is straigt out of the election playbook of Lynton Crosby, Mr. Cameron's chief strategist“) und deren Vorbereitung auf das Kommunikationsereignis („He trained hard“). Dabei wird, so Schröter, davon ausgegangen, dass das medial inszenierte Kommunikationsereignis sowohl einen bedeutsamen wahlbeeinflussenden Faktor darstellt („Could the debates move the polls?“), als auch die tatsächliche politische Landschaft Großbritanniens repräsentiert. 

Insgesamt kommt Schröter so augrund der genannten Indikatoren zu dem Schluss, dass sich in dem Diskurs eine deutliche Metaisierung der Berichterstattung zeigt. Die Inszeniertheit des Kommunikationsereignisses wird von den Beteiligten vorausgesetzt, ebenso wie die Durchplanung und die strategische Handlungsweise der beteiligten Akteure. Authentizität wird hingegen nicht vorausgesetzt, Sachaussagen erschienen vielmehr als Mittel des Erzielens von Punkten im Debattenwettbewerb. 

Thematisch naheliegend wird in der dem Vortrag folgenden Diskussion die Frage aufgeworfen, inwiefern die These der Postdemokratie von Colin Crouch an die Ergebnisse dieser Untersuchung anknüpfungsfähig ist. Eine Lesart bildet dabei die von Prof. Dr. Frank Liedtke vertretene Meinung, die Untersuchung könne als eine empirische Überprüfung der These Crouchs gesehen werden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellen sich auch die Frage, inwiefern die beobachtete Selbstreferenzialität der Medien ein generelles Merkmal der Medien ist, dass auch in Deutschland vorhanden ist. Diese Frage kann jedoch nicht abschließend geklärt werden. Insgesamt scheinen die Ergebnisse der Analyse Schröters bedenklich zu stimmen. So sehen einige Teilnehmer einen deutlichen Widerspruch zwischen der Selbstdarstellung der britischen Medien als Hüter der Demokratie und dem Idealkonzept der Demokratie. Auch wird die  Frage nach Interdependenz von Politik und Medien weiter diskutiert. Wer nutzt hier eigentlich wen? Politiker die Medien oder die Medien die Politiker?

Anna Hilgers und Julian Schulte

 

Dr. Ruth Mell: Das politikkritische Konzept Öffentlichkeit/ Gegenöffentlichkeit im Protestdiskurs 1968 bis heute

Als Mittel des öffentlichen Protests sieht Ruth Mell Demonstrationen, die laut ihrer Definition nicht spontan sind, sondern geplant. Diese sollen Aufsehen in der Öffentlichkeit erregen und nicht den politischen Gegner überzeugen. Der Protest ist hierbei ein diskursives Element. Diskurs definiert Mell als virtuelle Gesamtheit von Äußerungen zu einem Thema in einer gegebenen Zeit. Sprache wird von ihr als Mittel zur Konstruktion der Wirklichkeit bezeichnet. In dieser Wirklichkeit sind Öffentlichkeit und Demokratie eng aufeinander bezogen, da theoretisch die politisch aufgeklärte Öffentlichkeit vernünftig am demokratischen Diskurs in der Bundesrepublik Deutschland partizipiert. Dem setzt sie die Aussage von Theodor W. Adorno entgegen, wonach Vorstellung nicht der Realität entspricht, da die Massenmedien zusätzlich beeinflussend wirken

Darauf aufbauend etabliere sich innerhalb der politischen Linken der Begriff der Gegenöffentlichkeit als Zustandsbezeich-nung für politische, nicht durch Massenmedien beeinflusste, Öffentlichkeit. Aus dem Konzept Gegenöffentlichkeit, geht hervor, dass die deutschen Massenmedien die Öffentlichkeit in der Meinung der 68er-Bewegung entpolitisieren und dieser daher nicht mehr als korrekte Bezeichnung für eine kritische und aufgeklärte Gesellschaft gebraucht werden kann. Gegenöffentlichkeit als Gegenbegriff zu Öffentlichkeit sollte als Podium für die Ideen der 68er-Bewegung dienen, aus ihr eine Opposition zur Politik der damaligen Bundesregierung entstehen.

Für die heutige Zeit zieht Mell Beispiele aus dem Ukraine-Konflikt heran. Sarah Wagenknecht von der Partei Die Linke und Alexander Gauland von der AfD nutzen den Begriff Gegenöffentlichkeit, da ihrer Meinung nach die deutschen Massenmedien nicht neutral über den Konflikt in der Ostukraine berichten. Sie verstehen unter dem Begriff Gegenöffentlichkeit eine den Konflikt neutral betrachtende Gesellschaft, die sich unabhängig von den falsch berichtenden Massenmedien informiert.

Ende der 1960er wurde laut Mell der Begriff Gegenöffentlichkeit genutzt, um im Sinne der Medienkritik Autonomie, Selbstbestimmung und Demokratie zu fordern, entgegengesetzt zu den Medien, welche in der Meinung der 68er-Bewegung durch ihre Berichterstattung eine Entpolitisierung erzeugen. Heutzutage wird der Begriff im Zusammenhang mit gezielt falscher Berichterstattung genutzt und richtet sich gegen die vermeintliche Lenkung der öffentlichen Meinung durch die deutschen Massenmedien.

Anna Hilger, Lucien Luckau

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